• 06.04.2012, 18:18:54
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"Die Presse" - Leitartikel: Eine Geschichte, die erzählt werden will, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 07.04.2012

Wien (OTS) - Ostern 2012. Zu Pessach und zu Ostern wird in
Jerusalem eine Freiheits-, eine Befreiungsgeschichte erzählt. Immer
wieder, auch wenn so viele konkrete, politische Hoffnungen so viele
Jahre uneingelöst bleiben.

Karfreitag in Jerusalem: Christliche Pilgergruppen streben, mit und
ohne Kreuz, auf der Via Dolorosa der Grabeskirche zu. Muslimische
Gläubige eilen, Gebetsteppiche auf den Schultern, zu den Moscheen. Wo
sie vom massiven Polizei- und Armeeaufgebot zu Umwegen gezwungen
werden, kommt es gelegentlich zu lautstarken Auseinandersetzungen.
Die al-Aqsa-Moschee steht auf dem Tempelberg, der bis zu seiner
Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. das Zentrum der jüdischen Welt war. Die
Juden feiern an diesem Wochenende Pessach, am Freitagabend halten sie
das Seder-Mahl, währenddessen sie einander die Geschichte ihres
Volkes mit ihrem Gott erzählen.
Wenn das jüdische Pessach-Fest und Ostern auf einen Termin fallen,
ist Jerusalem die Welthauptstadt der Frommen. Wer am Abend des
Gründonnerstags auf den Ölberg wandert, geht durch den Garten, in dem
Jesus von Nazareth vor seiner Verhaftung betete, er geht vorbei an
den Gräbern jener Abertausenden Juden, die dort bestattet sind, weil
sie daran glauben, dass der Messias, wenn er kommt, um die Toten
aufzuwecken, den Weg über den Ölberg nehmen wird. Der atemberaubende
Blick auf die Stadt wird dominiert von der goldenen Kuppel des
Felsendoms, einer der beiden Moscheen auf dem Tempelberg.
Es ist laut und hektisch im österlichen Jerusalem. Der Klangteppich,
der aus den Gebetsrufen der Muezzins, den Litaneien der
Kreuzwegpilger und den strengen Anweisungen der Sicherheitskräfte
gewoben wird, lädt zunächst nicht zum andächtigen Verweilen ein. Aber
er gehört zur spirituellen Anziehungskraft dieser Stadt, um die drei
Friedensreligionen so viele Kriege geführt haben.
Pessach und Ostern gehören zusammen: Die Erzählung vom Leiden und
Sterben Jesu Christi ist die Erzählung von einem galiläischen Rabbi,
der wie so oft zu den hohen Feiertagen nach Jerusalem hinaufgeht. Wie
alle anderen Juden auch versteht er das wichtigste Fest seiner
Religion als Fest der Befreiung.
Die Erinnerung daran, dass Gott sein Volk aus der ägyptischen
Gefangenschaft heraus in das Gelobte Land geführt hat, war damals -
mit Blick auf die römische Besatzung - und ist auch heute ein
politisches Programm. Die Staatsgründung nach der Katastrophe des
Holocaust und alle darauf folgenden Anstrengungen, das Überleben als
einzige Demokratie in einer von Despoten regierten feindseligen
Umgebung zu sichern, haben in Israel zu einem Verschwimmen der
Grenzen zwischen Religion und Politik geführt.
Die kompromisslose Bereitschaft Israels, sein Überleben mit allen,
auch präventiven militärischen Mitteln zu garantieren, ist
permanenter Kritik ausgesetzt. Zuletzt hat der
Literaturnobelpreisträger Günter Grass in einem "Gedicht" von
niederschmetternder sprachlicher Qualität den Judenstaat als die
wahre Bedrohung des Weltfriedens identifiziert. Die Frage, ob sich
dahinter Antisemitismus verbirgt oder nicht, ist irrelevant - weil
auch die Immunisierung israelischer Politik gegen jegliche Kritik
durch den Antisemitismus-Vorwurf längst nicht mehr funktioniert.
Relevanter ist die Frage nach der Redlichkeit und
Zurechnungsfähigkeit von Politikern und Intellektuellen, die so tun,
als könnte ein Staat, dessen Existenzrecht von einer massiven
Mehrheit der Bevölkerungen seiner Nachbarstaaten verneint wird,
sicherheitspolitisch so agieren wie etwa ein Mitglied der
Europäischen Union.

Zu Pessach und zu Ostern wird in Jerusalem eine Freiheits-, eine
Befreiungsgeschichte erzählt. Immer wieder, Jahr für Jahr, auch wenn
so viele konkrete, politische Hoffnungen so viele Jahre uneingelöst
geblieben sind, auch wenn rund um dieses Fest in der Stadt die
Spannungen und Unfreiheiten besonders stark spürbar sind. Ob Muslim,
Christ oder Jude: Keiner, der in diesen Tagen in Jerusalem feiert,
kann wissen, wo und wie seine Befreiungsgeschichte im individuellen
Leben und auf der politischen Landkarte sichtbar wird. Aber es
besteht kein Zweifel daran, dass sie weitererzählt werden will.

Rückfragehinweis:
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