• 05.04.2012, 12:38:14
  • /
  • OTS0128 OTW0128

Folter - Gewalt - Trauma - "Karfreitag heute"

Diakonie in Sorge um Abschiebungen von schwerkranken Menschen

Wien (OTS) - Dieser Tage erinnern sich Millionen Menschen weltweit
an die Folter und Gewalt, die Jesus widerfahren ist. Gemeinsam mit
vielen anderen Menschenrechtsorganisationen nimmt die Diakonie den
Karfreitag zum Anlass, um auf die schwierige Situation von
Folterüberlebenden aufmerksam zu machen.

Martin Schenk, Stv. Direktor der Diakonie und selbst Psychologe,
beschreibt die fatalen Auswirkungen von Folter und Verfolgung. Die
Menschen haben ein Trauma erlebt, "einen Schlag gegen die Psyche, dem
man nichts entgegensetzen kann". Es bleibe eine Wunde mit den Folgen
sozialen Rückzugs, Ess- und Schlafstörungen, Suizidneigung,
Erinnerungsverlust. Schenk weist darauf hin, dass "die Therapie nicht
wieder gut machen kann, was geschehen ist. Die Verwandten und
Freunde, die unter schrecklichen Umständen getötet wurden, bleiben
tot," so Schenk.

Therapie kann aber begleiten auf dem Weg der Trauer, um all das
Verlorene und so zumindest den Blick auf die Zukunft im Exilland
Österreich eröffnen. Dazu braucht es auch eine Reduktion der
quälenden Existenzangst, Anerkennung von Qualifikationen und
Arbeitsmöglichkeiten. "Ein funktionierendes soziales Netz,
verständnisvolle Beziehungen und gesellschaftliche Anerkennung sind
entscheidend für die Bewältigung des Traumas und für die Integration
in eine neue Gesellschaft", betont Schenk.

Die Diakonie macht sich jedoch berechtigte Sorgen um
Abschiebungen von schwerkranken Menschen aus Österreich.

"Die Dublin II Verordnung ist, kurz gesagt, die europäische
Zuständigkeitsregel für die Durchführung der Asylverfahren. Das Land
der EU, das als erstes von einem Schutzsuchenden betreten wird, ist
zuständig für die Durchführung des Asylverfahrens. Das führt in
vielen Fällen allerdings nicht dazu, dass der Asylantrag in einem
Nachbarland Österreichs bearbeitet wird, sondern dazu, dass sich auch
dieses Land nicht zuständig fühlt und dass es zu Kettenabschiebungen
kommt," erläutert Christoph Riedl, Leiter des Diakonie
Flüchtlingsdienstes die geltenden Asylbestimmungen. "Besonders aus
Ungarn und Polen werden die Flüchtlinge oft weiter Richtung Osten
geschickt, und wir wissen, dass Polen nicht davor zurückschreckt
Menschen wieder in ihre Herkunftsländer, wie z.B. Tschetschenien
abschiebt, wo ihnen nicht selten der Tod droht," betont Riedl.

Drei Maßnahmen sind notwendig, um die Sicherheit von
Folterüberlebenden und Schwerkranken in Österreich zu gewährleisten:
Erstens geht es darum, Ruhe zu bewahren: Österreich ist im Ranking
der asylantragsstärksten Industrienationen gerade auf den 11. Platz
abgerutscht. "Die Bewältigung des derzeitigen Flüchtlingsstromes nach
Österreich ist für das österreichische Aufnahmesystem kein Problem,"
ist sich Riedl sicher.

Zweitens müssen wir das Sterben stoppen: Die Diakonie fordert
seit vielen Jahren gemeinsam mit hunderten Flüchtlingsorganisationen
in Europa, dem Sterben an den Grenzen Europas ein Ende zu setzen.
"Eine zentrale Maßnahme dafür wären "geschützte Einreiseverfahren",
die es Flüchtlingen ermöglicht sicher nach Europa zu gelangen,"
fordert Christoph Riedl.

Und drittens muss die Dublinregelung abgeschafft werden
"Österreich sollte, anstatt sich immer neueren Abschottungsphantasien
hinzugeben, ein solidarisches Aufnahmesystem für Flüchtlinge in
Europa vorantreiben," so Riedl. "Die jetzige Dublin-Regelung ist mit
einem solidarischen Europa nicht vereinbar. Es muss aber darum gehen,
ein europäisches System zu schaffen, in dem in allen EU Staaten
gleichwertige Aufnahmebedingungen und vor allem gleiche Chancen auf
Asyl bestehen," so Christoph Riedl.

Die politischen Rahmenbedingungen für Trauma-Therapie sind
nicht heilsam, sondern oft "heillos"

"Flüchtlinge bräuchten aus der Perspektive der Psychotherapie in
erster Linie Sicherheit und Schutz, sie bräuchten die Anerkennung und
Verurteilung der Gewalt, die ihnen zugefügt wurde, und drittens
bräuchten sie die Möglichkeit einer neuer Lebensperspektive, die
Gestaltungsmöglichkeiten und sinnvolle Tätigkeit wesentlich
einschließt," betont Verena Schlichtmeier, Leiterin von Ankyra -
Zentrum für interkulturelle Psychotherapie in Innsbruck. Stattdessen
erleben Flüchtlinge in Österreich vielfach wiederholt Unsicherheit,
Abwehr und Ausgrenzung, die Unterstellung der Lüge. Das geschieht,
wenn sie einen negativen Asylbescheiden erhalten, oder unter
Lebensbedingungen leben müssen, die ihnen den Zugang zu Arbeit
verwehren und ihre Selbstbestimmungsmöglichkeiten massiv beschränken.
"Für unsere Arbeit in den Psychotherapieeinrichtungen heißt das,
dass wir unter Rahmenbedingungen heilsam wirksam werden wollen, die
nicht heilungsfördernd sind, sondern - ich möchte sagen - heillos,"
so Schlichtmeier.

Ankyra ist eine von zwei Psychotherapieeinrichtungen für Menschen
mit Fluchtgeschichten des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Seit 8 Jahren
bieten wir in Tirol Frauen, Männern und Kindern, die nach Österreich
geflüchtet sind und unter den Folgen von Gewalt und Flucht leiden,
traumaspezifische, dolmetschunterstützte und kultursensible
Psychotherapie, medizinische und psychiatrische Beratung. 2011
nutzten 218 AsylwerberInnen und Flüchtlinge aus 33 Herkunftsländern
unsere Angebote.

Rückfragehinweis:
Dr. Roberta Rastl-Kircher, Diakonie Österreich,
Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: (+43) 1 409 80 01-14, Mobil: (+43) 664 314 93 95
E-Mail: [email protected]. Web: www.diakonie.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | DIK

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel