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Die Presse - Leitartikel: "Die wollen nicht, die haben immer Bedenken, die Frauen", von Friederike Leibl
Ausgabe vom 05.04.2012
Wien (OTS) - Überzogene Zahlen sind der Sache nicht dienlich. Aber
abseits aller Zahlenmanöver bleibt ein Lohnunterschied zwischen
Frauen und Männern, der zu beseitigen ist.
Ich bin eine Quotenfrau. Auf die Frage, ob ich meinen Job bekommen
habe, weil ich eine Frau bin, hat einer meiner Vorgesetzten gesagt:
"Nein. Aber es hilft." Ich bin eine Quotenfrau, trotzdem. Es fällt
nicht leicht, es so zu sehen. Es könnte bedeuten, dass die
Qualifikationen sonst nicht ausgereicht hätten für den Job. Dass
jemand anderer übergangen wurde, nur weil er ein Mann war. Dass es
nicht um rein sachliche Argumente geht.
Viele Frauen sprechen sich gegen eine Frauenquote aus, weil diese
Kritikpunkte unangenehm sind. Erfolg glänzt weniger hell, wenn er
nicht nur durch eigenes Zutun erreicht worden ist. Sind das Sorgen,
die sich auch Männer in Führungspositionen machen? Dass ihr
Geschlecht ihnen einen unfairen Vorteil gebracht hat? Haben manche
deshalb schlaflose Nächte? Wahrscheinlich nicht. Männer müssen sich
vielleicht gegen Vorwürfe wehren, eine Position erreicht zu haben,
weil sie eine bestimmte Schule besucht haben, einem Netzwerk
angehören, mit dem Chef Golf spielen. Nicht, dass sie Männer sind.
Sie können ganz gut damit leben.
Was hat die Frauenquote mit Einkommensunterschieden zwischen Männern
und Frauen zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den ersten
Blick scheint überhaupt die Welt ziemlich in Ordnung zu sein, wenn
man den Recherchen des "Profil" trauen will. Da heißt es auf dem
Titelblatt, dass Frauen und Männer "ähnlich viel" verdienen. (Dass
gleich darunter ein Text über den "Mann als Jammerfigur" angekündigt
wird, gehört zur gezielten Provokation.) Der schlichte Schluss der
von "Profil" versprochenen "Wahrheit über die Ungleichheit":
Frauenpolitiker operierten bewusst mit falschen Zahlen, um an der
"Opferrolle" festhalten zu können. Es gebe keine Lohndiskriminierung
aufgrund des Geschlechts. Denn werde die angebliche "skandalöse"
Lohnlücke von rund 25 Prozent um Faktoren wie etwa Ausbildung,
Branche, Unternehmensgröße bereinigt, so bliebe nur ein "Rest" von
rund zwölf Prozent Einkommensunterschied, der "nicht erklärbar" sei.
Und diese zwölf Prozent, die auf das ganze Arbeitsleben hochgerechnet
gar nicht wenig sind, werden mit möglicher Frauendiskriminierung
weggemurmelt.
Es ist richtig, dass überzogene Zahlen der Sache nicht dienlich sind.
Sollten Frauenpolitiker bewusst mit Übertreibungen operieren, so
befinden sie sich in bester Gesellschaft mit Spenden- und
Umweltschutzorganisationen: Auch sie müssen sich den Vorwurf gefallen
lassen, ihr Ziel, Schlagzeilen zu machen, mit dem hohen Preis zu
bezahlen, langfristig ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren und für
Abstumpfung zu sorgen.
Bei aller Kritik bleibt aber immer noch die Lücke, die so niedlich
als "Rest" bezeichnet wird: Diese rund zwölf Prozent verdienen Frauen
laut Experten unter anderem weniger, weil sie andere "Motivationen"
haben und ein anderes "Engagement" zeigen als Männer. Weil sie
schlechter verhandeln, weniger wollen, sich weniger zutrauen. Weil
sie aber auch weniger Risiko eingehen, lieber fixe Gehälter beziehen,
als etwa ihr Gehalt mit dem Unternehmenserfolg oder eigener Leistung
zu verknüpfen. Wenn diese Schlüsse zutreffen, also
geschlechtsspezifisch sind, dann heißt das aber nichts anderes als:
weil sie Frauen sind.
Frauen, so hört man immer wieder, sind nicht nur deshalb in
Führungspositionen unterrepräsentiert, weil Männer sie nicht
hochkommen lassen. Sondern auch, weil sie es ja gar nicht wollen. Die
haben immer Bedenken. Die wollen lieber gemocht als respektiert
werden. Vorurteile, die der Tatsache nicht standhalten, dass Frauen
in Schulen und Universitäten Motivation und Leistungswillen voll
unter Beweis stellen. Warum sollen sie das im Beruf nicht mehr
wollen? Kann es sein, dass sie dort andere Chancen vorfinden als
Männer?
Wenn mit Mythen aufgeräumt werden soll, dann vielleicht auch mit
diesen: Man nimmt Männern nichts weg, wenn Frauen gleich viel
verdienen. Und: Frauen sind nicht die besseren Chefs. Sie machen
manches anders, aber sie sind genauso gut oder schlecht, wie Männer
es sind. Zu diesem Schluss kann man aber erst kommen, wenn Chefinnen
zur Normalität werden. Und wenn es immer mehr Quotenfrauen gibt, dann
sind sie irgendwann keine Quotenfrauen mehr.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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