• 03.04.2012, 18:09:34
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Die Presse - Leitartikel: "Das bequeme Gejammer über den hohen Benzinpreis", von Gerhard Hofer

Ausgabe vom 04.04.2012

Wien (OTS) - Ausgerechnet Vater Staat wird immer wieder um Hilfe
angefleht, wenn es um hohe Spritpreise geht. Dabei ist es der Staat,
der an der Zapfsäule am besten verdient.

Es ist mittlerweile zu einer Art Osterbrauch geworden, das
alljährliche Gejammer um die hohen Spritpreise. Immer wenn Urlaub
ansteht, steigen die Preise an den Zapfsäulen und schreien die
Boulevardmedien, die Autofahrerklubs und populistische Politiker.
Dabei werden wir doch nur Zeuge, dass der Markt funktioniert: Steigt
die Nachfrage, steigen die Preise. Dieses Schauspiel werden wir
übrigens auch zu Beginn der Sommerferien wieder bass erstaunt
miterleben, samt Gejammer und allen anderen Nebengeräuschen.
Fahrräder sind kurz vor Ostern übrigens ebenfalls viel teurer als
etwa im November. Aber keinen juckt es, weil die bekanntlich der
Osterhase bringt, und der schaut nicht auf den Preis.
Das Unglaublichste an der Debatte ist übrigens, dass man ausgerechnet
vom Staat einfordert, etwas gegen den hohen Spritpreis zu
unternehmen. Dabei ist es doch der Staat, der am meisten an den
Preiserhöhungen verdient. Ende März kostete ein Liter Eurosuper im
Schnitt 1,49 Euro, 77 Cent davon kassierte der Fiskus. Die
Steuerquote auf Treibstoff liegt hierzulande bei fast 52 Prozent.
Mittlerweile hat es sich auch herumgesprochen, dass staatliche
Interventionen immer zu einer Preiserhöhung geführt haben. Oder hat
die im vergangenen Jahr eingeführte Spritpreisverordnung ein
Ansteigen der Preise verhindert? Verwaltung und Bürokratie sind
vermutlich gestiegen.

Über eine ungerechte und teure Art der Treibstoffpreis-Subvention
wird dieser Tage wieder in Deutschland diskutiert: über das
Pendlerpauschale. Dort fordern Politiker eine Erhöhung. Nicht, weil
es sinnvoll ist, sondern, weil es bei den Wählern gut ankommt, vor
allem bei jenen im bevölkerungsreichsten Bundesland
Nordrhein-Westfalen, wo im Mai Landtagswahlen anstehen.
In Österreich schenkt der Staat den Pendlern jährlich 600 Millionen
Euro. Natürlich nicht nur jenen, die mit dem Auto in die Arbeit
fahren. Aber es werden schon einige Autofahrer unter den 800.000
sein, die diese Form der Steuererleichterung jährlich in Anspruch
nehmen. Dafür, dass sie abseits der Ballungszentren billigen und
ausreichend Wohnraum haben, dürfen sie auch günstiger die Luft
verpesten. Und eines ist klar: Solange der Benzinpreis auf diese
Weise staatlich subventioniert wird, wird er auch an den Zapfsäulen
weiter steigen.

Und noch einen winzigen Aspekt sollte man in der Diskussion nicht
ganz außer Acht lassen. Neben den Steuern hängt der Spritpreis noch
von einem zweiten Faktor ab: dem Erdöl. Das ist jener schwarze Saft,
der immer teurer wird, weil es davon immer weniger gibt und weil der
Mensch immer aufwendigere Methoden anwenden muss, um ihn aus Mutter
Erde herauszupumpen.
Der berühmte Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner hat einmal
gesagt: "Wir gehen eines Tages kaputt, weil wir zu faul sind, um zu
Fuß zu gehen." Natürlich ist Zu-Fuß-Gehen keine Alternative zum Auto,
es ist eine Metapher auf unsere Bequemlichkeit. Wer nur jammert, nach
staatlichen Interventionen ruft, sich selbst aber keinen Zentimeter
weiterbewegt, wird das Problem nicht lösen. Auch nicht jene, die
martialische E-Mails verschicken, in denen sie zum "Kriegführen gegen
die Ölgesellschaften", insbesondere zum Boykott der Ölmultis Total
und Shell aufrufen.
Nominell war Treibstoff noch nie so teuer wie dieser Tage.
Inflationsbereinigt war Autofahren allerdings in den 1970er-Jahren
viel teurer. Denn die Kaufkraft der Österreicher stieg seither
deutlich stärker als die Treibstoffpreise. Doch all das zählt nicht,
wenn ein voller Tank 85 Euro kostet, der Osterurlaub vor der Tür
steht und es vor allem in absehbarer Zeit keine finanziell sinnvolle
Alternative zum guten alten Otto-Motor gibt.
Das Bequeme am Benzinpreisjammer ist, dass man als Konsument so
herrlich ohnmächtig ist. Warum hadert keiner damit, dass in unseren
Kühlschränken täglich Unmengen an Lebensmitteln verfaulen oder dass
wir jährlich einige Tankfüllungen unsinnig verSMSen oder im Lotto
verspielen?

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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