- 02.04.2012, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Japan, das aufgeriebene Land - von Hans Weitmayr
Im Gegensatz zu Japan hat "Old Europe" seinen Kampfgeist wiedergefunden
Wien (OTS) - Es war eine weitere Enttäuschung. Die Zahlen des
jüngsten Tankan-Berichts stagnieren auf niedrigem Niveau, ausgegangen
war man von einer Aufhellung des von der japanischen Notenbank
erhobenen Stimmungsindex. Dass der Nikkei trotzdem zulegen konnte,
lag an relativ guten Daten aus den USA und wirft ein weiteres
Schlaglicht darauf, wie fremdbestimmt die mittlerweile nur noch
drittgrößte Volkswirtschaft der Welt geworden ist.
Problematisch erscheint auch, dass Beobachter den Wiederaufbau der
durch Tsunami und AKW-GAU zerstörten Landstriche rund um Fukushima
als einen der wenigen möglichen Stimuli für die Wirtschaft sehen.
Hier greift die mittlerweile bekannte Kritik an der herkömmlichen
BIP-Messung, wonach die Folgen einer Katastrophe positiv auf die
Kennzahl wirken, obwohl nur Zerstörtes wieder instand gesetzt wird.
Man hofft also in puncto Wachstum nur auf die Wiederherstellung alten
Wohlstands, statt auf die Schaffung neuen Vermögens zu setzen - da
passt es ins Bild, dass die großen Schlachtschiffe, die einst großen
Hoffnungsträger der japanischen Wirtschaft, also Konzerne wie Sony,
Panasonic oder Sharp teilweise Rekordverluste für das laufende Jahr
in den Raum stellen. "Traumatisiert" sei man von der Aufwertung des
Yen, so ein ehemaliger Mitarbeiter der Bank of Japan - eine harte
Aussage und eine, die die Kraftlosigkeit des Landes unterstreicht.
All das erinnert auf den ersten Blick an Europa: hohe Währung,
stagnierende Wirtschaftsleistung und zuletzt auch wieder schwache
Daten von Industrie und Arbeitsmarkt. Doch Europa hat etwas, das
Japan fehlt. Und das ist das Äquivalent eines äußeren Feindes.
Gemeint ist die Eurokrise. So paradox das auf den ersten Blick
erscheinen mag, aber als Positivum aus den Unruhen in der
Europeripherie kristallisiert sich immer mehr heraus, dass das bis
vor Kurzem geriatrisch agierende "Old Europe" seinen Kampfgeist
wiedergefunden zu haben scheint. Nicht alle Bemühungen sind von
Erfolg gekrönt, aber bei der weiteren Integration Europas werden
Fortschritte erzielt, wie sie vor fünf Jahren noch unvorstellbar
gewesen wären. Es ist eine gewisse Entschlossenheit zu spüren, die
Fehlentwicklungen in der Union zu korrigieren.
Europa lebt in interessanten Zeiten. Das mag aus chinesischer Sicht
ein Fluch sein. Schlimmer erscheint jedoch der japanische Weg: eine
langweilige Einbahnstraße Richtung Bedeutungslosigkeit.
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