- 01.04.2012, 18:35:22
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"Die Presse" - Leitartikel: Warum die Zentralmatura verschoben werden muss, von Christoph Schwarz
Ausgabe vom 02.04.2012
Wien (OTS) - Die Kontroverse hat einen neuen Grad an Hysterie
erreicht. Und wird so zunehmend unerträglich. Die Ministerin muss
einlenken, um das Projekt nicht zu gefährden.
Die Akteure der Debatte rund um die Zentralmatura sind mittlerweile
ein Fall für die Verhaltenstherapie. Denn die neue, standardisierte
Reifeprüfung krankt vor allem an einem: dass die Kontroverse um ihre
Einführung im Schuljahr 2013/14 die Sachebene längst verlassen hat -
und primär von Ängsten, Verunsicherungen und (leider auch) politisch
gesteuerter Propaganda dominiert wird.
Das zentrale Muster, das die zunehmend hysterisch geführte
Auseinandersetzung prägt: Jede involvierte Gruppe gibt ihre Ängste
und Vorbehalte relativ ungefiltert an die nächste weiter. Nicht
wenige Lehrer etwa haben sich und ihre Unsicherheiten, die sie
angesichts der neuen Prüfungsmodalitäten (die nicht nur die
Leistungen der Schüler, sondern indirekt auch ihre eigenen
vergleichbar machen) plagen, nicht im Griff. Und projizieren diese
schlicht auf ihre Schüler. Im Unterricht werden dann relativ schamlos
Horrorszenarien gezeichnet. Von fehlender Vorbereitung, inexistenten
Büchern und Lernunterlagen ist die Rede. Vom Schreckgespenst der
Kompetenzorientierung und von einer Flut an Nicht genügend. Die
Feststellung, dass dieses Verhalten alles andere als pädagogisch
wertvoll ist, ist leider mindestens so unoriginell wie jene, dass man
es sich von so manchem Lehrer kaum anders erwartet hätte.
Das dritte Glied in der Kette: die Eltern, die - von den Jugendlichen
aufgeschreckt - plötzlich über nie da gewesene und als Marotte des
US-Schulsystems verrufene Multiple-Choice-Tests klagen. Die von
verstörenden Hintergrundgeräuschen bei Fremdsprachen-Hörübungen zu
erzählen wissen. Oder die gehört haben wollen, dass die Maturanten
künftig "fast gar nichts mehr selbst schreiben müssen". Und sich
fürchten. Es ist ihnen kein Vorwurf zu machen.
Denn auch die Medien nutzen die hoch emotionale Debatte und berichten
aufgeregt von falsch gelesenen Notenschlüsseln an Kärntner Schulen,
fehlenden Schulbüchern und der Ungleichbehandlung der
unterschiedlichen Schultypen. Das für die Umsetzung der neuen Matura
verantwortliche Bildungsinstitut Bifie trägt das Seine zur
Verunsicherung bei. Statt durch kluge Informationspolitik
aufzufallen, glänzt es durch einen vermuteten Finanzskandal samt
Abberufung des Institutsleiters.
Welche der vorgebrachten Ängste begründet sind, ist mittlerweile
schwer zu sagen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der neuen
Matura ist zwischen all dem hilflosen Geraune der Elternvertreter,
der (leider auch gewerkschaftlich gesteuerten) Panik der Lehrer und
der Beschwichtigungspropaganda des Ministeriums kaum noch möglich.
Schade, dass es so weit kommen musste. Denn die Stoßrichtung der
Zentralmatura ist eine gute. Wünschenswert ist nicht nur die
angestrebte Vergleichbarkeit der Schüler- und Lehrerleistungen.
Selbst hinter dem Unwort der "Kompetenzorientierung", die seit
einigen Jahren im Bildungssektor fast mantraartig eingefordert wird,
steckt ein verfolgenswertes Ziel. Den Fokus auf Kompetenzen -
vereinfacht verstanden als Fertigkeit, Probleme zu lösen und Wissen
anzuwenden - zu legen, stünde dem heimischen Schulsystem so schlecht
nicht an. Dem wird nicht nur jeder zustimmen müssen, dem bis heute
nicht klar ist, wofür genau er im Mathematikunterricht integrieren
lernen musste oder den Werdegang römischer Kaiser im
Geschichtsunterricht auswendig aufsagen durfte.
Allein: Sachargumente zählen in dieser Eskalationsstufe nicht mehr.
Die Frage, ob die Unterrichtsministerin die Zentralmatura, wie sie
behauptet, gut vorbereitet hat, ist irrelevant geworden. Wenn Claudia
Schmied stur am Zeitplan festhält und die Matura wie geplant umsetzt,
bringt sie das gesamte Projekt in Gefahr. Die Logik ist eine
einfache: Wenn alle anderen Involvierten vom Scheitern überzeugt
sind, ist dieses programmiert.
Letzter Ausweg: Schmied muss den Start der Matura verschieben, so wie
es - und ja, diese Feststellung schmerzt - die Lehrergewerkschaft
fordert. Dann liegt es an ihr, Schüler, Eltern und natürlich Lehrer
besser zu informieren. Nur so kann es gelingen, die negativen
Emotionen in den Griff zu kriegen. Alle anderen sind gefordert, ihren
Teil dazu beizutragen. Nur das ist im Sinn der Maturanten.
Rückfragehinweis:
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