- 26.03.2012, 18:15:32
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: China und Deutschland führen die Wende - von Herbert Geyer
Billig produzieren ist gut - wenn jemand Geld hat, zu kaufen
Wien (OTS) - Vier Jahre lang - seit Ausbruch der internationalen
Finanzkrise - war es das chinesische Flaggschiff, das die
Weltwirtschaft durch die anfangs turbulenten, zuletzt aber ziemlich
flau gewordenen Gewässer zog. Damit dürfte es jetzt (siehe Bericht S.
8) ziemlich vorbei sein. Die chinesische Wirtschaft wächst zwar noch
immer vergleichsweise flott, ihr Rohstoffhunger lässt aber nach - was
speziell Osteuropa, allen voran Russland zu spüren bekommt.
Weltweit warten die Experten nun darauf, wie die chinesische Politik
auf die neue Situation reagiert. Die nachlassende internationale
Nachfrage kann ja auch ein Staat mit dem Rekordstand von drei
Billionen Dollar an Währungsreserven nicht ins Laufen bringen. Also
wird China wohl seine mehrfach gemachten Versprechungen umsetzen
müssen, mehr Wachstum über den Konsum zu generieren - 1,3 Milliarden
Menschen mit einem Lebensstandard, der weit unter jenem des Westens
liegt, wären ein nahezu unerschöpfliches Potenzial.
Dass das gehen kann, zeigt ausgerechnet Chinas Vorgänger und größter
Konkurrent im Kampf um den inoffiziellen Titel eines
Exportweltmeisters, Deutschland. Die gestern veröffentlichten
erfreulichen Zahlen des wichtigsten deutschen Geschäftsklima-Index,
des Ifo-Index (S. 11), zeigen, dass nach dem Nachlassen der
Exportnachfrage dort bereits die Konsumenten die Rolle der
Konjunkturlokomotive übernommen haben.
Und wenn es Deutschland gelingt, sich am eigenen Zopf aus der an sich
längst angesagten Rezession zu befreien (und danach schaut es derzeit
tatsächlich aus), dann bedeutet das für ganz Europa, das unter
Sparpaketen stöhnt, eine gewaltige Erleichterung. Insbesondere
Österreich mit seiner engen Verflechtung mit der deutschen Wirtschaft
darf darauf hoffen, dadurch ebenfalls der Rezession zu entkommen.
Was die Welt aus dieser neuen Entwicklung lernen kann? Billig zu
produzieren ist eine Sache - eine sehr gute sogar. Aber noch
wichtiger ist es, irgendwo auf der Welt jemanden zu haben, der die
solcherart produzierten Waren auch kaufen kann. Die Arbeiter in den
Billiglohnländern, in die die Produktionen aus dem Westen bevorzugt
ausgelagert wurden, werden das nicht sein.
Die nächsten Jahre werden es zeigen: Erfolgreich werden jene
Volkswirtschaften sein, in denen konkurrenzfähig produziert werden
kann - und in denen gleichzeitig ausreichend Massenkaufkraft für den
Konsum übrig bleibt.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
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