- 19.03.2012, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Schmiergeld, Kavaliersdelikte und Arroganz - von Eva Komarek
Es herrscht das Prinzip des totalen Opportunismus
Wien (OTS) - Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", sagt
Bert Brechts Gangster Macheath in der Dreigroschenoper. Für den
Marxisten Brecht schlossen Wohlstand und Anstand einander aus. Schaut
man sich in Österreich um, will man ihm fast recht geben. Das
Vertrauen in die Integrität von Politikern und Managern ist ins
Bodenlose gefallen. Nie zuvor gab es so viele Ermittlungsverfahren
gegen Politiker und Manager wegen Bestechung, Untreue, Betrug und
Insiderhandel. Ein Ende ist nicht absehbar. Ständig kommen neue
Korruptionsfälle ans Tageslicht, und auch der weltweite
Korruptionsindex Transparency International dokumentiert den Verfall:
Jährlich rutschen wir weiter ab, zuletzt von Platz 15 auf 16.
Verglichen mit demokratisch hoch entwickelten Industriestaaten liegen
wir damit nur mehr im schlechten Mittelfeld. Es herrscht das Prinzip
des totalen Opportunismus. Und solange Schmiergeldaffären und
Insiderhandel als Kavaliersdelikte abgetan werden, wird sich am
moralischen Verfall dieser Republik nichts ändern und die Arroganz
der Akteure zunehmen.
Der Volkswirtschaft fügt dieses Verhalten einen enormen Schaden zu.
Laut einer Studie des Linzer Wirtschaftsprofessors Friedrich
Schneider kostete Korruption den Staat 2010 25 Milliarden Euro an
Wirtschaftsleistung. Heuer werden es sogar 27 Milliarden sein. Denn
wenn der Staat teuer baut, weil nicht der Bestbieter zum Zug kommt,
nicht die beste Dienstleistung eingekauft wurde, weil bestochen
wurde, muss er mehr Geld ausgeben. Damit kommen auch nicht die besten
und produktivsten Firmen zum Zug, sondern jene, die am besten
bestechen können, bringt es Schneider auf den Punkt. Letztlich
reagieren auch die Börsen sensibel, denn wo Misstrauen herrscht, wird
nicht investiert. Das schlägt sich auch in der
Unternehmensfinanzierung nieder, die somit teurer wird.
Hat Brechts Macheath also recht? Nein, ganz im Gegenteil: Ohne Moral
funktioniert keine Form des menschlichen Zusammenlebens, und dann
gibt es auch nichts zum "Fressen". Insbesondere die liberale
Wirtschaft baut auf einen informellen Wertekanon, an den sich
Verantwortliche halten - Verträge werden eingehalten, Rechnungen
bezahlt, Aktionäre, Wettbewerber, Zulieferer und Kunden fair
behandelt. Nur wenn sich die große Mehrheit diesen Spielregeln
unterwirft, funktioniert die Wirtschaft reibungslos. Nehmen jedoch
die Verstöße überhand und wird Gier zum bestimmenden
Verhaltensmuster, dann wird die Wirtschaft insgesamt geschwächt.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
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