• 17.03.2012, 18:04:54
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"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: Ein sinnloser Krieg, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 18.3.2012

Wien (OTS) - Zurück in die Steinzeit: Mehr als zehn Jahre nach
Beginn des Krieges in Afghanistan brauchen die Taliban nur noch auf
den Abzug der US-Armee zu warten, um ihr Gottesstaat-Experiment
fortzusetzen.

Amerika fragt sich, wie das möglich ist. Sergeant Robert Bales galt
als vorbildlicher und erfahrener Soldat. Vor einer Woche stand der
38-jährige Familienvater mitten in der Nacht auf, schlich sich aus
seinem Stützpunkt in Kandahar, marschierte in ein Dorf namens Najib
Yan und erschoss 16 afghanische Zivilisten, darunter neun Kinder.
Im Hintergrund der Tragödie erhebt sich eine andere, größere Frage:
Was ist in Afghanistan schiefgelaufen? Noch sind die 130.000
internationalen Soldaten nicht abgezogen vom Hindukusch. Doch mehr
als zehn Jahre nach Beginn der Operation "Andauernde Freiheit" lässt
sich durch keine Teilerfolgsgeschichten mehr überschminken, dass die
Intervention gescheitert ist.
Die Taliban, die Ende 2001 mühelos aus der Hauptstadt Kabul
vertrieben worden waren, brauchen sich nur noch ein paar Monate zu
gedulden, bis sie zurück an die Macht spazieren und ihr
islamistisches Steinzeit-Experiment fortsetzen können. In kaum zu
überbietender Dummheit haben die internationalen Streitkräfte ein
konkretes Datum für ihren Abzug genannt: Ende 2014. Vielleicht geht
es sogar noch schneller, wenn US-Präsident Obama demnächst ein
knalliges Wahlkampfversprechen hervorziehen muss. Die Taliban haben
jeden Anreiz zu ernsthaften Verhandlungen verloren. Sobald sich die
ausländischen "Invasoren" aus dem Staub gemacht haben, wird sich das
Kräftegleichgewicht zu ihren Gunsten verschieben. Vor der
hochgepäppelten Amateur-Armee des korrupten afghanischen Präsidenten
Karzai müssen sie sich nicht fürchten.
Fast 3000 Soldaten, größtenteils Amerikaner und Briten, sind für
Kabul gestorben. Zehntausende Zivilisten kamen ums Leben, vorwiegend
durch Anschläge der Taliban. Und wofür? Die al-Qaida, die von
Afghanistan aus ihre 9/11-Attentate geplant hat, ist zwar geschwächt,
aber nicht zerstört. Das Terrornetzwerk ist nach Pakistan, in den
Jemen und nun offenbar auch nach Syrien ausgewichen. Die Taliban, die
Osama bin Laden Unterschlupf gewährt hatten, haben ihre Comeback-Tour
längst gestartet. Sollten sie das Land zurückerobern, werden sie die
zivilisatorischen Fortschritte der vergangenen Dekade rasch zunichte
machen; Mädchen wird der Schulbesuch dann wieder verwehrt sein. Der
Drogenhandel war durch die Militärpräsenz ohnehin nie unterbrochen.
Es war ein gerechter Krieg, in den die USA an der Spitze einer
internationalen Koalition nach den Anschlägen vom 11.September 2001
gezogen sind. Doch auch gerechte Kriege können falsch geführt werden.
Wenn nämlich ihre Ziele nicht klar genug definiert und die Mittel
deshalb zwangsläufig unangemessen sind. Um Afghanistan neu
aufzubauen, hätte sich die Welt von Beginn an entschlossener
engagieren müssen. Umgekehrt wäre es eine Option gewesen, sich auf
den Kampf gegen al-Qaida-Zellen zu konzentrieren, anstatt sich nach
ein paar Monaten schon dem nächsten Krieg im Irak zuzuwenden. So
blieb die Afghanistan-Mission eine halbe, sinnlose Sache. Und halbe
Sachen sind den Einsatz nie wert.

Rückfragehinweis:
Die Presse am Sonntag
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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