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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Milchmädchen-Ökonomie"

Ausgabe vom 10. März 2012

Wien (OTS) - Die Krise ist vorbei, jubeln die Optimisten. Die
Politik hat eine weltwirtschaftliche Kernschmelze verhindert, lässt
sich die Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde noch ein paar Türchen
offen. Griechenland hat es geschafft, Italiens Anleihezinsen sind auf
ein erträgliches Maß geschrumpft, Spanien hat den reglementierten
Arbeitsmarkt reformiert und ist nun für Investoren wieder
interessanter, freut sich die EU-Kommission. Und die Europäische
Zentralbank hat in den vergangenen Monaten fast 1000 Milliarden Euro
in die Banken gepumpt, damit diese Staaten und Unternehmen weiter
finanzieren können.

Manchen neoliberalen Ökonomen geht das alles nicht weit genug. Sie
warnen, dass die Aufblähung der Geldmenge zwangsläufig zur Inflation
führen muss. Und ein Institut namens Eco Austria, das
fälschlicherweise als Wirtschaftsforschungsinstitut bezeichnet wird,
weil es bloß ein Think-Tank der Industriellenvereinigung ist, hat
eine Lösung parat: Um die Inflationsgefahren zu senken, müssten eben
die Löhne runter. Ohne Milchmädchen verunglimpfen zu wollen: Dies ist
eine solche Rechnung.

Die Zentralbank hat massiv Geld in den Markt gepumpt, weil sich die
Banken wieder einmal untereinander kaum welches borgten: Vielleicht
hat der andere ja irgendwelche Leichen im Keller. Die Europäische
Zentralbank sprang ein, irgendjemand musste es ja tun.

Was die liberalen Ökonomen überhaupt gerne vergessen: Der
privatwirtschaftliche Umgang mit der Krise war in Wahrheit ein
Desaster für das Konzept des "free enterprise". Wenn Unternehmen, und
das sind ja wohl auch Banken, kein unternehmerisches Risiko mehr
eingehen, dann haben sie ihren Zweck verfehlt. Es kann kein
Unternehmensgegenstand sein, sich billiges Geld von einer
öffentlichen Institution auszuborgen, damit Staatsanleihen zu kaufen
und von der Zinsdifferenz zu leben.

Die geöffnete Geldschleuse der EZB hat der EU drei Jahre erkauft, so
lange laufen deren Kredite. Danach muss der Zinssatz für dieses
Bankengeld deutlich angehoben werden. Erst, wenn sich die Banken dann
im selben Ausmaß wieder Geld untereinander borgen, um
unternehmerische Ideen zu finanzieren, ist die Krise vorbei. Im
umgekehrten Fall würde sie erst richtig beginnen, und Inflation wäre
dann Europas geringste Sorge...

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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