- 09.03.2012, 17:00:31
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Wie schön ist doch die Welt, die ich mir male"
Wien (OTS) - Der KURIER-Autor Guido Tartarotti baut sein neues,
absolut sehenswertes Kabarettprogramm auf die Idee des
Konstruktivismus auf. Einfach ausgedrückt geht diese philosophische
Richtung davon aus, dass wir Menschen unseren objektiven Zustand gar
nicht wahrnehmen können, sondern uns dafür eine eigene Wirklichkeit
in unserem Kopf zusammenbauen.
Womit wir bei der österreichischen Innenpolitik wären. Eine
Regierung, die ein Sparprogramm entwirft, das zu einem Drittel
vielleicht gar nicht finanziert werden kann, zeigt eine deutliche
Distanz zur Realität, zu Fakten und Zahlen. Wenn die EU keine
Finanztransaktionssteuer beschließt, und wenn uns die Schweizer keine
Milliarden für Steuerflüchtlinge überweist, dann wird sich die
Finanzministerin eine neue, realistischere Wirklichkeit basteln
müssen.
Verteidigungsminister Darabos sitzt auch gerne in seinem Zimmer
und träumt sich ein Berufsheer zusammen, das ihm der Wiener
Bürgermeister in der Not des Wahlkampfs angeordnet hat. Wie man das
umsetzt, weiß er natürlich nicht. Und wenn es dann wirklich zu wenige
Soldaten gibt, dann werden doch ein paar Strafgefangene einspringen
(siehe Seite 2).
Immer größer wird der Widerspruch zwischen dem, was die Politik
offiziell verkündet, und der Lebensrealität der Menschen. Ein
Unternehmer, der seiner Bank eine Planung in der Art des
österreichischen Budgets vorlegt, wird höflich, aber bestimmt
hinauskomplimentiert.
Und wer wie Darabos laut ankündigt, dass er seinen Betrieb
umstellen wird, aber keinen Plan hat, wie er das erreichen will, geht
schnell pleite.
Auch die Medien müssen aufpassen, dass sie nicht an der Realität
der Menschen vorbeiberichten. Die Aufklärung der vielen Skandale der
letzten Jahre ist dringend notwendig. Der öffentliche Druck ist ganz
wichtig, damit nicht alles unter den Tisch der Nation und der
Parteien gekehrt wird. Aber an den Stammtischen geht es eher um
andere Themen, den nächsten Urlaub, ein neues Auto, die optimale
Schule, das Funktionieren der Spitäler, das Fernsehprogramm.
Banal? Möglicherweise. Aber wenigstens nicht konstruiert.
An dieser Stelle ist die Krone zu loben. Jahrelang hat man dort
den Lesern erzählt, die Europäische Union sei nichts anderes als ein
korrupter Sündenpfuhl. Seit Kurzem erscheinen zumindest Leserbriefe,
in denen die EU als europäisches Friedensprojekt gelobt wird. Auch
Massenzeitungen müssen darauf achten, nicht an den Massen
vorbeizuschreiben. Und trotz Euro-Krise sagt uns die Realität, dass
in Österreich immer mehr Arbeitsplätze durch den Export in die EU
gesichert sind.
Es kann nur kurzfristig funktionieren, sich seine eigene
Wirklichkeit zu konstruieren. Aber Vorstellungen für die kommenden
Jahre muss die Politik schon formulieren: Wie der Staat schlanker,
die Ausbildung besser und die Pflege finanzierbar werden. Da kommen
wir nur mit Realismus weiter.
Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601
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