• 05.03.2012, 19:11:09
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Inlandspresse, Hamburger Abendblatt zu Wulff/Gauck

Hamburg (ots) - Ein Kommentar von Karsten Kammholz

Der eine Bundespräsident ist nicht einmal per Zapfenstreich halbwegs
würdevoll verabschiedet, da wird bereits nach Leibeskräften an der
Würde des noch ungewählten Nachfolgers gerüttelt. Die Kritik an
Joachim Gauck kommt aus höchst unterschiedlichen Ecken. Sie tröpfelt
eher, als dass sie auf den 72-Jährigen einprasselt. Aber kein Tag
vergeht, ohne dass nicht die Lebensleistung des Pastors und ersten
Stasiunterlagen-Beauftragten angezweifelt wird. Vor zwei Jahren ein
Heilsbringer, heute ein Scheinheiliger? Wahrlich scheinheilig ist die
Debatte um den Nominierten für Schloss Bellevue. Kein Zweifel: Die
Demokratie verlangt nach der kritischen Begleitung ihrer Amtsträger.
Auch hat diese kritische Begleitung die Maßlosigkeiten Christian
Wulffs zutage gefördert. Allerdings erreicht nun die vorauseilende
Kritik am Noch-nicht-Amtsträger Gauck eine Maßlosigkeit, die dem
ohnehin beschädigten Amt des Bundespräsidenten keine Regeneration
gönnt. Erst erhob sich die sogenannte Internetgemeinde gegen den
gemeinsamen Kandidaten von Union, SPD, FDP und Grünen, weil er für
die Vorratsdatenspeicherung war und den Sinn der Occupy-Bewegung
infrage stellte. Dann wurden von politischer Seite seine
Familienverhältnisse hinterfragt. Es folgten Weggefährten Gaucks, die
öffentlich an seiner Bezeichnung als "Bürgerrechtler" zweifelten",
weil er in ihren Augen kein Widerstandskämpfer gewesen sei, sondern
nicht mehr als ein Revolutionspastor aus Rostock-Evershagen. Zuletzt
fühlte sich der Philosoph Peter Sloterdijk bemüßigt, auf Gaucks
"pastorale Identität" hinzuweisen, die bald vielen auf die Nerven
gehen könnte. Obwohl Gauck noch kein einziges Wort als
Bundespräsident gesprochen hat, rechnet Sloterdijk schon jetzt mit
atheistischen, katholischen und antiautoritären Reaktionen. Soll das
nach dem 18. März, dem Wahltag in der Bundesversammlung, so
weitergehen mit den Sticheleien und der vielschichtigen Suche nach
Charakter- und Persönlichkeitsschwächen Gaucks? Da hatte es selbst
ein Christian Wulff leichter vor seiner Wahl 2010. Im Schatten der
damaligen Euphorie über die ohnehin chancenlose Nominierung des
"Bürgerpräsidenten" Gauck galt Wulff selbstverständlich als
respektabler Kandidat. Anstatt nach Schwächen zu suchen und seine
fehlende Lebenserfahrung zu diskreditieren, wurde Wulffs Alter
seinerzeit als Chance für das Amt gewertet. Ja, es herrschte sogar
die freudige Erwartung, mit dem CDU-Politiker könne ein von
Bundeskanzlerin Angela Merkel recht unabhängiger, hochpolitischer
Kopf ins Schloss Bellevue einziehen. Das Amt stand vor einer
Neudefinition. Heute wissen wir zwar, dass Wulff als Bundespräsident
weit unter den Erwartungen zurückblieb. Aber aus dieser Erfahrung
heraus dem nächsten Amtsträger mit größtmöglichem Pessimismus zu
begegnen dient niemandem. Daran sollte auch die Bundestagsfraktion
der Linkspartei denken, wenn sie heute Gauck empfängt. Keine Partei
lehnt ihn bekanntlich mehr ab. Man darf davon ausgehen, dass die
Linke den gemeinsamen Termin zum Anlass nehmen wird, Gauck
öffentlichkeitswirksam zur falschen Wahl für Deutschland zu erklären.
Der Schmerz des Kritisierten wird sich in diesem Fall in Grenzen
halten. Der Prozess der schleichenden Diskreditierung der zukünftig
ranghöchsten Persönlichkeit des Landes setzt sich dennoch fort. Es
wird also Zeit, dass der bald gewählte Bundespräsident Joachim Gauck
selbst das Wort erhebt. Möge die pastorale Identität ruhig in seine
Reden einfließen. Wie sich Beiträge von Staatsoberhäuptern anhören,
die vorher Politiker, Banker oder Richter waren, wissen wir. Dieses
Land hat nicht nur mehr rhetorische Brillanz verdient, es hat gerade
nach dem Wulff-Debakel verdient, seinem zukünftigen Präsidenten mit
Wohlwollen und Optimismus entgegenzutreten. Erst recht, weil Gauck
stets die erste Wahl der deutschen Bevölkerung war.

Rückfragehinweis:
HAMBURGER ABENDBLATT
Ressortleiter Meinung
Dr. Christoph Rind
Telefon: +49 40 347 234 57
Fax: +49 40 347 261 10
[email protected] [email protected]

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