• 29.02.2012, 20:00:48
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zwischen Modediagnose und schwerer Krankheit" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 1.3.2012

Graz (OTS) - Massiven Handlungsbedarf" bei psychischen
Erkrankungen am Arbeitsplatz stellt nun auch der Hauptverband der
Sozialversicherungen fest. Ob aber der soeben beschlossene
Maßnahmenkatalog, der bei der betrieblichen Gesundheitsförderung
künftig einen Schwerpunkt im Bereich psychischer Gesundheit vorsieht,
ausreichen wird, ist fraglich. Nicht nur, weil sich damit an den
Wartezeiten für psychisch Erkrankte nichts ändern wird, sondern weil
die steigende Zahl der Erkrankungen zwangsläufig noch längere
Wartezeiten mit sich bringen wird. Wenn die Krankenstände bei
psychischen Diagnosen wie derzeit doppelt so schnell steigen wie bei
körperlich bedingten Krankenständen, wird es trotz aller
Sparprogramme zu einer Ausweitung der bezahlten Therapiestunden
kommen müssen.

Die laufende Debatte, ob nun Burn-out nur eine poppige Modediagnose
für gestresste, erschöpfte Arbeitnehmer ist oder aber eine
Umschreibung für Depression, kann da keine Rolle spielen. Denn auch
wer erschöpft ist und die Erschöpfungszustände ignoriert, wird über
kurz oder lang zu jenen zählen, die aus psychischen Krankheitsgründen
die österreichische Wirtschaft jährlich 1,2 Milliarden Euro kosten.

Was nötig wäre, ist der schnellere Zugang zu Hilfe, um Seeleninfarkte
zu verhindern. Seeleninfarkte, die je später sie behandelt werden,
kostspieliger für alle Beteiligten werden. Es geht aber auch darum,
nicht über den inflationären Gebrauch des Wortes "Burn-out" oder über
die mögliche Verharmlosung von Depressionen durch dieses Modewort zu
klagen. Oder darüber, dass der Begriff Burn-out allzu schwammig ist
und ein hervorragendes Geschäft für die gesamte Seelenindustrie bis
zum Wellnesshotel darstellt. Es geht darum, dass Burn-out vor
Stigmatisierung schützt und somit bei vielen die Bereitschaft, sich
eine Krankheit einzugestehen, höher ist als beim Begriff
"Depression". Da spielt es dann auch keine Rolle, wenn Burn-out, wie
die Psychiatrie-Chefin der Charité in Berlin meint, ein medizinisch
sinnloser Begriff ist, weil ein behandlungswürdiges Burn-out und eine
Depression dasselbe seien.

Ob normale Lebenskrise oder Depression, Hilfe wird in beiden Fällen
benötigt. Der Schweizer Bundesrat überlegt gerade Psychotherapie
generell auf Krankenschein anzubieten, um die Folgekosten zu
reduzieren. Ein Schritt, der in Österreich angesichts leerer Kassen
illusorisch erscheint. Aber mehr Bewusstsein in Betrieben und Kassen
für Hilfen lange vor Zusammenbrüchen wäre hoch an der Zeit.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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