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OTS0068   25. Feb. 2012, 20:06

"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Das weniger Schlechte" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 26.02.2012


Deutschland bekommt einen neuen Präsidenten: Joachim Gauck. Was der Pastor aus Rostock denkt, kann auch uns nützlich sein.

"Die Unvollkommenheit der Leute und der Verhältnisse erzeugt eine ganze Kultur des Verdrusses", forumulierte Gauck voriges Jahr in Salzburg. Der Satz ist überall gültig. Jede Gesellschaft läuft Gefahr, am Verdruss ihrer Bürger über die allgegenwärtigen Unzulänglichkeiten zu scheitern.

Wie aber widerstehen, wenn jeden Tag neue Blasen aus dem Sumpf blubbern? Diese Woche war's die Nachricht vom Rücktritt eines Tiroler Landesrats. Um ein Spottgeld lebte der im noblen Penthouse eines Unternehmers, der Genehmigungen von ihm brauchte. Andere spendierten dem Jagdfreund Gemsen, um ihn bei Laune zu halten. Und die Telekom war natürlich auch dabei, wo eigentlich nicht? Für die Einsicht in seine Untragbarkeit brauchte der Mann trotzdem mehrere Monate. Wie soll man da nicht in das von Gauck beschriebene "Niedergungsgrau" versinken?

Vor dieser Logik aber warnt der designierte Präsident. "Wer nur die Fehler und Mängel des Systems addiert, wird die Wirklichkeit verfehlen." Zur Wirklichkeit gehört ja auch, dass wir von den haarsträubenden Vorgängen nur wissen, weil Medien, Justiz und/oder Opposition sie ans Licht bringen. Mehr kann man von einem halbwegs funktionierenden Gemeinwesen nicht verlangen. Die Sehnsucht nach einer radikal verbesserten Welt, meint Gauck, führt in die Irre, in die Diktatur.

"Gut ist alles nur im Paradies", forumulierte der künftige Präsident in seiner Dankrede für den Börne-Preis im vergangenen Jahr. Der lapidare Satz warnt vor messianischen politischen Verheißungen. Sein halbes Leben hat Gauck unter den Folgen einer Utopie gelitten, die das Paradies versprochen hat. Das macht ihn hellhörig für Schalmeientöne, auch unter den Bedingungen der Freiheit.

"Dort, wo wir leben, wird nicht das Endgültige,nicht das Paradiesische gestaltet, sondern das Machbare und das weniger Schlechte." Das klingt wenig heroisch, aber tröstlich. Gauck verweigert seinen Zuhörern die Flucht in den Traum von einer vollkommenen Welt, er erinnert an die Verantwortung des Einzelnen für seinen fehlerhaften Staat. Das Paradies nicht zu begründen ist verzeihlich, das Machbare nicht zu machen, vorwerfbar.

Und noch ein Trostwort von Gauck passt zu unserer Lage wie zur deutschen: "Gerade unsere Nation, die regelmässig von Angstattacken geschüttelt wird, würde es guttun, sich selbst weniger über die eigenen Mängel und Defizite zu definieren." Es muss ja nicht gleich in Größenwahn kippen. ****

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OTS0068 2012-02-25 20:06 252006 Feb 12 PKZ0001 0396



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