"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Das weniger Schlechte" (Von Thomas Götz)
Ausgabe vom 26.02.2012
Graz (OTS/Vorausmeldung) - Deutschland bekommt einen neuen
Präsidenten: Joachim Gauck. Was der Pastor aus Rostock denkt, kann
auch uns nützlich sein.
"Die Unvollkommenheit der Leute und der Verhältnisse erzeugt eine
ganze Kultur des Verdrusses", forumulierte Gauck voriges Jahr in
Salzburg. Der Satz ist überall gültig. Jede Gesellschaft läuft
Gefahr, am Verdruss ihrer Bürger über die allgegenwärtigen
Unzulänglichkeiten zu scheitern.
Wie aber widerstehen, wenn jeden Tag neue Blasen aus dem Sumpf
blubbern? Diese Woche war's die Nachricht vom Rücktritt eines Tiroler
Landesrats. Um ein Spottgeld lebte der im noblen Penthouse eines
Unternehmers, der Genehmigungen von ihm brauchte. Andere spendierten
dem Jagdfreund Gemsen, um ihn bei Laune zu halten. Und die Telekom
war natürlich auch dabei, wo eigentlich nicht? Für die Einsicht in
seine Untragbarkeit brauchte der Mann trotzdem mehrere Monate. Wie
soll man da nicht in das von Gauck beschriebene "Niedergungsgrau"
versinken?
Vor dieser Logik aber warnt der designierte Präsident. "Wer nur die
Fehler und Mängel des Systems addiert, wird die Wirklichkeit
verfehlen." Zur Wirklichkeit gehört ja auch, dass wir von den
haarsträubenden Vorgängen nur wissen, weil Medien, Justiz und/oder
Opposition sie ans Licht bringen. Mehr kann man von einem halbwegs
funktionierenden Gemeinwesen nicht verlangen. Die Sehnsucht nach
einer radikal verbesserten Welt, meint Gauck, führt in die Irre, in
die Diktatur.
"Gut ist alles nur im Paradies", forumulierte der künftige Präsident
in seiner Dankrede für den Börne-Preis im vergangenen Jahr. Der
lapidare Satz warnt vor messianischen politischen Verheißungen. Sein
halbes Leben hat Gauck unter den Folgen einer Utopie gelitten, die
das Paradies versprochen hat. Das macht ihn hellhörig für
Schalmeientöne, auch unter den Bedingungen der Freiheit.
"Dort, wo wir leben, wird nicht das Endgültige,nicht das
Paradiesische gestaltet, sondern das Machbare und das weniger
Schlechte." Das klingt wenig heroisch, aber tröstlich. Gauck
verweigert seinen Zuhörern die Flucht in den Traum von einer
vollkommenen Welt, er erinnert an die Verantwortung des Einzelnen für
seinen fehlerhaften Staat. Das Paradies nicht zu begründen ist
verzeihlich, das Machbare nicht zu machen, vorwerfbar.
Und noch ein Trostwort von Gauck passt zu unserer Lage wie zur
deutschen: "Gerade unsere Nation, die regelmässig von Angstattacken
geschüttelt wird, würde es guttun, sich selbst weniger über die
eigenen Mängel und Defizite zu definieren." Es muss ja nicht gleich
in Größenwahn kippen. ****
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