"Die Presse" - Leitartikel: Eine Generation wird ad Acta gelegt, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 25.02.2012
Wien (OTS) - Hinter den Protesten gegen das sogenannte
Antipiraterie-Abkommen Acta steckt die Enttäuschung einer Generation,
die sich betrogen fühlt. Zu Recht: Sie wurde und wird betrogen.
Die Manifeste und Bekennerschreiben der "Anonymous"-Hacker klingen
gelegentlich ein wenig eigen. Da mischen sich Freiheitspathos und
antikapitalistischer Furor, Pfadfindertugenden und Outlaw-Habitus
gehen eine Koalition auf Zeit ein, man riecht bisweilen zwischen den
Zeilen den Schweiß von Teenagern, die nach zwei verbotenen Bieren
über die Mauer zurück ins Internat klettern. Aber wo immer man auch
ideologisch stehen mag, so wird doch mit jedem Tag klarer, dass diese
jungen Leute einen gerechten Kampf kämpfen. Sie kämpfen, weil sie
sich betrogen fühlen. Und sie wurden und werden tatsächlich betrogen.
Die durch die Buwog-Abhörprotokolle bekannt gewordene Frage "Wos woa
mei Leistung?" gilt nicht nur für den Politclown und
Hutschenschleuderer Walter Meischberger. Man kann sie vielen von uns
stellen, die während der vergangenen 20 Jahre im sogenannten
"Establishment", also in den Führungsetagen von Wirtschaft, Politik
und Medien, Karriere gemacht haben. Das bedeutet natürlich nicht,
dass eine ganze Generation ihre besten Jahre an der Grenze zwischen
Politik und Freunderlwirtschaft verbracht hat. Aber es ist doch
auffällig, wie sehr während der vergangenen beiden Jahrzehnte die
Schere zwischen Behauptung und Wirklichkeit des Begriffs "Leistung"
aufgegangen ist.
Es ist eine ziemlich verwöhnte Generation, die während der
vergangenen Jahre in die Schaltstellen der Gesellschaft eingerückt
ist und gerade einrückt: Die jugendlichen Revolutionäre von 1968
hatten gegen die repressive Grundstimmung einer ganz auf Vergessen
und Wiederaufbau ausgerichteten Gesellschaft angekämpft, die
Freiheitskämpfer von 1989 haben das letzte totalitäre Großregime des
20. Jahrhunderts abgeschüttelt. Freiheit und Wohlstand in Fülle also,
und nicht viel zu tun, als auf den Zug aufzuspringen, der immer
schneller in Richtung Wachstum und Hedonismus rollte. Viel zu oft
reichte eine Kombination aus Grundkenntnissen der drögen
Marketingkunstsprache der 1990er-Jahre und dem Nachweis von
einschlägigen Beziehungen, um ein Ticket zu lösen.
2008 fuhr der Zug an die Wand. Aber die fällige Korrektur fand nicht
statt. Man investierte stattdessen Milliarden in die
Aufrechterhaltung der Wohlstandsillusion, nicht nur in Griechenland.
Bezahlen wird das alles die Generation, die jetzt zu Recht die Nase
voll hat. Gut ausgebildete, in den zeitgenössischen Kulturtechniken
hochspezialisierte, mit einem wachen Instinkt für Gesellschaft und
Gemeinschaft ausgestattete junge Menschen, die jeden Tag in den
Medien vorgeführt bekommen, wer da auf ihre Kosten die große Sause
veranstaltet hat.
Die Auseinandersetzungen um das Antipiraterie-Abkommen Acta spielen
sich vor demselben Hintergrund ab: Gewiss, geistiges Eigentum muss
geschützt werden. Aber es grenzt an Selbstironie, wenn wir
Zeitungsleute, die wir eineinhalb Jahrzehnte lang unsere Inhalte
kostenlos ins Netz gestellt haben, in unserer Argumentation für die
Acta-Ratifizierung beklagen, dass "geistiges Eigentum keinen
materiellen Wert hat". Ein "digital native" kann daraus nur einen
Schluss ziehen: Zuerst haben sie nicht verstanden, was vor sich geht,
und jetzt, da sie verstehen, dass sie es nicht verstanden haben,
drehen sie uns einfach das Netz ab - weil sie die Macht dazu haben.
Was sich da draußen gerade neu formiert, birgt für uns Mitglieder des
Establishments die Aussicht auf Ungemütlichkeit. Und dafür ist es,
bei aller berechtigten Skepsis gegenüber den ideologischen
Ausfransungen und der latenten Bereitschaft zum Gesetzesbruch,
höchste Zeit. Denn die eigenwilligen Interpretationen von "Leistung",
die sich in diesem Establishment breitgemacht haben, sorgen nicht nur
für Widerstand von außen und unten. Sie haben auch zur inneren
Erosion geführt, was durch die niederschmetternde Qualität des
Personals in vielen gesellschaftlichen Schlüsselpositionen belegt
wird. Es ist an der Zeit, die Generation "Wos woa mei Leistung" ad
Acta zu legen.














