OTS0065   20. Feb. 2012, 10:51

Wir sprechen Gebärden - Barrierefreie Bildung für Alle!

ÖGLB und VÖGS fordern zum internationalen Tag der Muttersprache am Dienstag 21.2. die Umsetzung des Menschenrechts auf bilingualen Unterricht für Bildung ohne Barrieren!


Flashmob Inklusion und Gebärdensprache

Wien (OTS) - Anlässlich des internationalen Tages der
Muttersprache am Dienstag 21.2. fordert der Österreichische
Gehörlosenbund (ÖGLB) und der Verein Österreichischer Gehörloser
Studierender (VÖGS) die Umsetzung des Menschenrechts auf bilingualen
Unterricht für Bildung ohne Barrieren!

Für knapp 10.000 Menschen in Österreich ist die Österreichische
Gebärdensprache (ÖGS) Mutter- bzw. Erstsprache. Das bestehende
Bildungssystem nimmt keine Rücksicht: Das Menschenrecht gehörloser
Menschen auf zweisprachigen Unterricht in Gebärdensprache und
nationaler Sprache wird nach wie vor missachtet.

Recht auf bilinguale Bildung - Gebärdensprache im Unterricht

Die Österreichische Gebärdensprache ist seit 2005 als
eigenständige Sprache in der Bundesverfassung verankert. Im Jahr 2008
ratifizierte Österreich die UN-Konvention über die Rechte von
Menschen mit Behinderungen.

Dennoch: Die sprachlichen und kulturellen Rechte gehörloser
SchülerInnen und StudentInnen werden nicht respektiert. Die ÖGS wird
nach wie vor nicht als Unterrichtssprache im Schulunterrichtsgesetz
anerkannt und gefördert.

"Das Schulwesen für gehörlose Menschen in Österreich ist desolat",
so Mag.a Helene Jarmer, Präsidentin des ÖGLB. "Gehörlosenschulen
müssen endlich in bilinguale Schulen umgewandelt werden, in denen
gehörlose, schwerhörige und hörende Kinder gemeinsam von zwei
LehrerInnen in der jeweiligen Muttersprache unterrichtet werden. Auch
hörende SchülerInnen gewinnen mit der Gebärdensprache eine wertvolle
Zusatzqualifikation."

Bilinguale Frühförderung soll bereits im Kindergarten stattfinden.
"Zweisprachigkeit ist die Grundvoraussetzung für die
Chancengleichheit gehörloser Kinder und Jugendlicher und muss
ehestmöglich in Erziehung und Ausbildung sichergestellt werden",
betont Mag.a Jarmer. "Deshalb sollen auch Eltern und
Familienmitglieder Anspruch auf Finanzierung eines ÖGS-Kurses haben."

Reformbedarf bei LehrerInnenausbildung

Reformwürdig ist auch die Ausbildung für das Lehrpersonal an
Schulen für gehörlose und schwerhörige Menschen: Derzeit können
LehrerInnen nach der allgemeinen pädagogischen Grundausbildung an
Gehörlosenschulen unterrichten, ohne die Österreichische
Gebärdensprache zu beherrschen. Gebärdensprachkompetenz für das
spezielle Lehramt für Gehörlose muss erst in berufsbegleitenden
Kursen erworben werden. Allerdings nur im Ausmaß von 70 Stunden und
ohne ihre Kenntnisse bei einer Prüfung nachzuweisen. "Das ist eine
untragbare Situation. Eine Fremdsprache ist in so kurzer Zeit nicht
zu erlernen", beklagt Mag.a Jarmer vom ÖGLB, "Die
Gebärdensprachkompetenz der LehrerInnen muss anerkannten Standards
entsprechen und auch überprüft werden."

Gehörlos erfolgreich studieren

Gehörlose Studierende stoßen in Österreich nach wie vor auf
Barrieren, wenn sie sich weiterbilden und erfolgreich studieren
wollen: Ohne ÖGS- und/oder SchriftdolmetscherInnen ist es gehörlosen
und schwerhörigen Studierenden nicht möglich, der vortragenden Person
in einer Lehrveranstaltung zu folgen. Zwar übernimmt der "Fond
Soziales Wien" einen Teil der Dolmetschkosten, damit ist aber
lediglich eine Lehrveranstaltung pro Semester abgedeckt. Für
zusätzliche Dolmetschleistungen müssen die Studierenden selbst
aufkommen, was in den meisten Fällen nicht möglich ist.

"Wenn nur eine Lehrveranstaltung pro Semester absolviert werden
kann, steigt die durchschnittliche Studiendauer von gehörlosen und
schwerhörigen Studierenden auf über zehn Jahre", beschreibt Florian
Wibmer, Vorsitzender des VÖGS, die Situation. "Der VÖGS fordert daher
eine österreichweit flächendeckende Institutionalisierung und
Ausweitung des Projekts GESTU."

Die Finanzierung des Pilot-Projektes GESTU (Gehörlos Erfolgreich
Studieren an der TU Wien) läuft jedoch mit Juni 2012 aus. Ob das
Projekt weitergeführt wird ist bis dato unklar. "Dies führt zu einer
Situation großer Unsicherheit bei den Studierenden. Unter hohem
Zeitaufwand müssten ÖGS- und/oder SchriftdolmetscherInnen selbst
organisiert und Förderungsansuchen gestellt werden", erklärt Florian
Wibmer und fordert: "GESTU muss bleiben und weiterhin als
Servicestelle für alle gehörlosen und schwerhörigen Studierenden
dienen und die Organisation von ÖGS- und/oder
SchriftdolmetscherInnen, TutorInnen und Mitschreibkräfte für
Studierende übernehmen."

Gebärdensprache und Gehörlosenkultur im Lehrplan

ÖGS-Sprachkurse sowie die Vorlesungen zu Gehörlosenkultur an der
Universität Wien sind jedes Jahr überlaufen und erfreuen sich großer
Nachfrage. Trotzdem möchte die Universitätsleitung diese
Lehrveranstaltungen aus Kostengründen nicht mehr weiterführen. "Die
Universitätsleitung schränkt damit den allgemeinen Zugang für Hörende
zur ÖGS und zu Gehörlosenkultur noch weiter ein. Für den VÖGS ist das
nicht akzeptabel!", kritisiert Wibmer. "Das Bildungsangebot muss
beibehalten bzw. sogar ausgeweitet werden."

Barrierefreie Bildung für Alle!

Zweisprachiger Unterricht ist ein sprachliches und kulturelles
Menschenrecht. Im Sinne der Chancengleichheit ist es höchste Zeit,
das Recht gehörloser und hörbehinderter Menschen auf
muttersprachlichen Unterricht umzusetzen!

Aus aktuellem Anlass zum Tag der Muttersprache am 21. Februar 2012
veranstalten ÖGLB, VÖGS und das ServiceCenter ÖGS.barrierefrei vor
dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und dem
Bundesministerium für Unterricht Kunst und Kultur am Wiener
Minoritenplatz einen Flashmob unter dem Titel "Inklusion und
Gebärdensprache".


Flashmob "Inklusion und Gebärdensprache"

Zum internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar 2012
organisiert der Österreichische Gehörlosen Bund (ÖGLB), der Verein
Österreichischer Gehörloser Studierender (VÖGS) und das
ServiceCenter ÖGS.barrierefrei einen Flashmob unter dem Titel
"Inklusion und Gebärdensprache".

Barrierefreie Bildung für Alle!

Die Aktion macht darauf aufmerksam, dass Maßnahmen zur Umsetzung
der Sprachenrechte gehörloser bzw. gebärdensprachiger SchülerInnen
und Studierender in den Bildungsprogrammen nach wie vor fehlen. Ein
inklusives Bildungssystem ist nicht verwirklicht.
Die Österreichische Gebärdensprache - als Muttersprache gehörloser
Menschen - soll auch im Bildungsbereich als anerkannte Sprache
Berücksichtigung finden. Zugang zu Bildung soll für Alle ohne
Barrieren möglich sein!

Gemeinsam Gebärden

Im Rahmen des Flashmobs vor dem Bundesministerium für Unterricht,
Kunst und Kultur (BMUKK) werden die zahlreichen
Flashmob-TeilnehmerInnen gemeinsam den Satz "Barrierefreie Bildung
für Alle" gebärden.

Datum: 21.2.2012, 15:00 - 16:00 Uhr
Ort: Vor dem BMWF und BMUKK
Minoritenplatz 5, 1010 Wien

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
201051 Feb 12 BAR0001 0860



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Public Relations - ServiceCenter ÖGS.barrierefrei
Tel.: +43 01 64 10 510 12
E-Mail: publicrelations@oegsbarrierefrei.at
Florian Wibmer,
Vorsitzender des VÖGS
E-Mail: info@voegs.at

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