Die Presse - Leitartikel: "Eine Entschuldigung an unsere Nachbarn", von Wolfgang Böhm
Ausgabe vom 20.02.2012
Wien (OTS) - Ostösterreich hat sich gefürchtet, nur weil Slowaken,
Tschechen und Ungarn endlich in Freiheit leben wollten. Bis hinauf in
die Regierung hat unser Land falsch reagiert.
Anna und Marika pflegen abwechselnd meinen Vater. Sie kommen aus der
Slowakei, und sie sind ein Segen. Sie haben in das Leben des alten
Herrn wieder Regelmäßigkeit, gutes Essen und Fröhlichkeit gebracht.
Und allein dafür gehören sie gewürdigt. Wie diese beiden Frauen
erfüllen mittlerweile viele ihre Landsleute wichtige Dienstleistungen
in Österreich. Sie kommen auch als Touristen oder zum Einkaufen über
die Grenze. Sie sind nach über zwanzig Jahren ein anerkannter Teil
unserer Arbeitswelt und unserer Wirtschaft geworden. Endlich.
Endlich sind kurz vor Jahreswechsel auch unsere Soldaten von der
Grenze abgezogen, denn sie waren ein heikles Symbol. Nach dem Abbau
des Eisernen Vorhangs, dem Abbruch der Wachtürme im Osten hatte
Österreich die Nachbarstaaten mit diesem Einsatz vor den Kopf
gestoßen. Es war eine Beleidigung für Slowaken, Tschechen und Ungarn:
Ihr unmittelbares Nachbarland im Westen freute sich nicht mit über
ihre errungene Freiheit, sondern zeigte damit offen, dass es mit
dieser Entwicklung ein Problem hat. Die eigenen Soldaten waren
abgezogen, die aus Österreich nahmen ihren Platz ein. Es war eine
absurde Aktion für ein "subjektives Sicherheitsempfinden" diesseits
der Grenze.
Es ist Zeit, sich zu entschuldigen. Österreich hat die Ostöffnung
innenpolitisch falsch begleitet. Aus Angst vor der FPÖ und ihren
Hetzkampagnen gegen Zuwanderer haben SPÖ- und ÖVP-Innenminister das
Bild krimineller Nachbarn hochgehalten.
Es wurde so getan, als stellten die Menschen jenseits der Grenze ein
höheres Sicherheitsrisiko dar als die heimische Bevölkerung. Berichte
von rumänischen Einbrecherbanden schienen solche Vorurteile und diese
Politik zu rechtfertigen. Dass es sich um ein spezielles Problem
handelte, das weniger mit der Grenzöffnung als mit der Expansion der
organisierten Kriminalität in Südosteuropa zu tun hatte, blieb dabei
ausgeblendet. Nach dem Motto von Woody Allen "Nur weil ich
Verfolgungswahn habe, heißt das ja nicht, dass keiner hinter mir her
ist", trotzte die Angst vor den Nachbarn lange den Fakten.
Die jüngste Umfrage der Gesellschaft für Europapolitik, die der
"Presse" exklusiv zur Verfügung gestellt wurde, gibt Hoffnung, dass
sich diese Stimmung im letzten Jahrzehnt deutlich gewandelt hat. Die
Nachbarn werden heute als das wahrgenommen, was sie sind: ganz
normale, meist fleißige Menschen, die ähnliche Ängste und Bedürfnisse
haben wie wir. Mit zunehmenden persönlichen Kontakten wichen die
Vorurteile.
Ein Rückblick zurück auf die Jahre nach der Wende muss uns heute
dennoch zu denken geben. Waren es damals nicht auch Gewerkschaften,
die vor der Ostöffnung und einer Horde an Arbeitssuchenden gewarnt
hatten? War da nicht in Wirtschaftskreisen von den großen Gefahren
einer Billigkonkurrenz für kleine Unternehmen die Rede? Haben da
nicht die Sozialpartner und fast alle Parteien im Wettlauf um immer
neue Abgrenzungen mitgespielt?
Natürlich hat auch die EU-Osterweiterung 2004 schmerzhafte
Anpassungen in Österreich ausgelöst. Einzelne Betriebe mussten
schließen. Vorübergehend gingen Arbeitsplätze verloren. Doch diese
Anpassungen standen in keiner Relation zu den viel größeren
Einschnitten durch die Globalisierung, die ganze Branchen - etwa die
Textilbranche - vernichtet haben. Heute sind im grenznahen Gebiet
neue Einkaufszentren entstanden. Dort und im Tourismus des ganzen
Landes wurden durch die neuen Kunden aus den Nachbarstaaten
Arbeitsplätze geschaffen.
Die viel gescholtenen heimischen Banken waren die Ersten, die das
Potenzial in Osteuropa erkannten. Heute wissen wir, sie haben durch
ihre verantwortungslose Kreditpolitik eine gefährliche Finanzblase
erzeugt. Abgesehen davon war ihr Engagement aber ebenso visionär wie
jenes der OMV und anderer größerer Unternehmen. Viele
Wirtschaftsstudien belegen, ohne Ostöffnung hätte Österreich im
internationalen Vergleich heute keine so gute ökonomische Position.
Es ist Zeit, sich dafür bei den Nachbarn zu bedanken und im Gegenzug
damit fortzufahren, den emotionalen Zaun niederzureißen.
Vorherige Aussendung
Kommentar zu Angela Merkel und der Präsidentensuche
Berliner Zeitung | 19. Feb. 2012, 17:57
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com














