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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die blinden Flecken unserer Gesellschaft" (Von Thomas Götz)
Ausgabe vom 9.2.2012
Graz (OTS) - Erst waren es die Missbrauchsfälle in der Kirche,
dann kamen die Geschichten aus weltlichen Internaten dazu. Es waren
schreckliche Erzählungen über Quälerei, Abhängigkeit, Drohung und
Angst, die uns die letzten Jahre über begleitet haben. Und nun klagt
ein 63-jähriger Mann an, er sei als Heimkind in den sechziger Jahren
absichtlich mit Malaria infiziert worden. Ein ungeheuerlicher Vorwurf
gegenüber der Heimleitung wie gegenüber den Ärzten. Täglich melden
sich neue Kläger.
Dokumente, die diese Fälle belegen könnten, gibt es nicht mehr, sie
müssen nur 30 Jahre aufbewahrt werden. Das erschwert die
Beweisführung. Was auch immer zuletzt herauskommt - es drängt sich
der Eindruck auf, in unserem Land gebe es noch weit mehr dunkle
Flecken, als uns bewusst ist. Und immer sind die Schwächsten die
Leidtragenden.
Dass diese Schrecknisse ans Licht kommen, ist eigentlich ein gutes
Zeichen. Es bedeutet, dass sich etwas tief greifend verändert hat in
der Haltung gegenüber Autoritäten und gegenüber Kindern. Es ist nicht
mehr selbstverständlich, zu kuschen, nur weil eine sogenannte
"Respektsperson" sich an Wehrlosen vergriffen hat. Wie oft haben wir
die Geschichte gehört, dass die Eltern gar nicht hören wollten, was
ihr Kind erzählen hätte können. Aus Angst, aus falschem Respekt vor
falschen Autoritäten. Das ist vorbei, oder es nimmt jedenfalls stark
ab. Die Schädigung von Kindern wird nicht mehr hingenommen, und das
ist ein riesiger Fortschritt.
Wer "Das weiße Band" von Michael Haneke gesehen hat, ahnt etwas von
den tiefen Wurzeln der Gewalt gegen Kinder in der Geschichte unserer
Kultur. Es dauert unendlich lange, bis sich eine neue Kultur des
Umgangs mit Schwachen durchsetzt. Garantien gibt es auch dann nicht.
Die Schutzschicht jeder Zivilisation ist dünn. Sie muss stetig
erneuert werden, sonst bricht sie auf.
Es sind oft Institutionen, die hohe Ansprüche vertreten - Kirchen,
die ambitionierte Reformschule Odenwald in Deutschland und in unserem
Fall ein angesehenes Wiener Klinikum.
Jede Gesellschaft hat ihre blinden Flecken. Heute empört uns, was
früher als tolerabel galt. Was wir heute übersehen, werden uns unsere
Kinder einmal vorhalten. Es wird vermutlich eine lange Liste sein,
vom Umgang mit der Natur über die Verwüstung kulturellen Erbes bis zu
neuen Formen legaler Sklaverei. Aber wenigstens dieses dunkle Eck ist
ausgeleuchtet: Kinder zu schinden und zu schänden, egal wie, ist
absolut geächtet. Es war höchste Zeit.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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