OTS0192   8. Feb. 2012, 17:00

"KURIER"-Kommentar von Martina Salomon: "Schaurige Therapien"

Psychiatrische Skandalfälle sollten auch den Blick auf die Jetztzeit schärfen.


Was ist bloß mit der Psychiatrie los? Das Mittelalter
reichte hier offenbar bis tief ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Nun
sind Fälle publik geworden, wonach Kinder, die als schwer erziehbar
galten, in den Sechzigerjahren in Wien einer "Malaria-Therapie"
unterzogen wurden. Das wurde einst als Behandlung gegen Syphilis
eingesetzt, in Einzelfällen half sie angeblich auch gegen psychische
Krankheit. Doch in den Sechzigern war das längst überholt. Ende der
Fünfzigerjahre wurden Antidepressiva entwickelt und ab 1975
Ethikkommissionen installiert. Ein Riesenfortschritt.
Aber schützt uns das heute vor Behandlungsfehlern, auf die wir in
fünfzig Jahren vielleicht wieder mit Schaudern zurückblicken werden?
Gibt es nicht auch jetzt noch fragwürdige Therapien? Werden nicht
zu viele Pillen verschrieben und zu viele Menschen wegen psychischer
Probleme in Frühpension geschickt, weil für therapeutische Gespräche
Zeit und Geld fehlen? Es gibt einen Mangel an Kassenstellen,
insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. In Wien muss man
dafür Wartezeiten bis zu einem Dreivierteljahr in Kauf nehmen.
Psychiatrische Patienten sind besonders schutzbedürftig, eine
ethische Kontrolle ist hier wichtiger als anderswo. Seelische
Gesundheit darf kein Stiefkind der Politik sein.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0192 2012-02-08 17:00 081700 Feb 12 PKU0001 0202




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