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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Todbringende Kälte" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 5.2.2012

Graz (OTS) - Es ist nicht so, dass die Kälte grundsätzlich
schlecht ist. Es denkt sich leichter. Hitze ist geistfeindlich, Kälte
selten. Sie lindert nicht nur den Schmerz und hemmt das Treibhaus
Erde, sie fördert auch die Fähigkeit, dem Leben auf den harten Grund
zu sehen. Zu jedem "klassischen Geschmack" gehöre auch ein Quantum
Kälte, Härte und Luzidität, schreibt Nietzsche, der Philosoph der
Minusgrade. Die Wahrheit zu erkennen, erfordere Mut, denn sie sei
kein angenehmes, wärmendes Schmeichellied. Soviel zu den Vorzügen von
Kälte. Sie ist keine Katastrophe, sondern Teil unserer
Erfahrungswelt: Im Winter kann es frostig sein.

Und dennoch hadert der Mensch mit der Kälte. Auch wenn wir die
Eiszeit passabel hinbekommen haben und der technische Fortschritt die
Kälte als Gefahr im Wortsinn isoliert hat: Anfreunden können wir uns
mit ihr nur schwer. Die Wärme bleibt ein Urbedürfnis. "Ich habe bei
Menschen nie an Kälte geglaubt", so der Autor Peter Hoeg, "an
Verkrampfung schon, aber nicht an Kälte." Das Wesen des Lebens sei
Wärme.

Weil die Sehnsucht nach ihr elementar ist, brüllt der Mensch, wenn er
neugeboren aus dem wärmenden Körper der Mutter in die Welt gepresst
wird. Der Schrei lässt einen Temperatursturz vermuten. Die Erholung
davon bleibt ein lebenslanges Projekt. Nicht umsonst heißen zwei
große Werke von Thomas Bernhard Frost und Kälte. Es ist eine
Erfahrung von Heranwachsenden geblieben. Die Krankheit der Jungen
heißt heute nicht Tuberkulose wie beim jungen Dichter, sie heißt
Arbeits- und Perspektivelosigkeit. 25 Millionen junge Europäer teilen
das Los. Die EU wird sich ihnen zuwenden müssen, sonst wird diese
Erfahrung von Kälte zum Sprengsatz für den Kontinent, bedrohlicher
als die Schulden.

Europa lebt in Wohlstand und Fülle, aber die Frostwelle hat
furchtbare Gegenwelten offengelegt: Unbehauste an den Rändern der
Gesellschaft, die in der Kälte ums Überleben ringen. Die Bilder aus
dem Osten erinnern bedrückend an jene der Nachkriegsjahre. Sie lassen
das Gequake über gefährdete Batterien oder die Kälteresistenz von
Smartphones lächerlich und zynisch erscheinen.

Auch unter uns leben Bürger, die durch die Kälte in noch tiefere
Armut schlittern. Viele wissen nicht, wie sie die Heizrechnung
bezahlen sollen. Schamhaft stellen sie sich mit leeren Taschen in
Supermärkte, um sich zu wärmen. Dass die ÖBB die Bahnhöfe öffnen:
eine schöne Geste. Sie sollte Nachahmer finden. Die Stromfirmen haben
beim Sperren von Anschlüssen die Pflicht zur Nachsicht - wir die
Pflicht zu helfen. Niemand soll frieren müssen. Daran darf eine
Solidargemeinschaft im Jahr 2012 keinen Zweifel lassen.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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