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OTS0291   31. Jan. 2012, 20:00

"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Ein unsäglicher Sager und seine Folgen" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 1.2.2012


Warum FPÖ-Chef Strache keinen Orden verdient.

Wieso eigentlich beginnen gewisse Debatten über die NS-Zeit und ihre
Beurteilung immer und immer wieder bei null, als wäre nichts
geschehen? Warum muss das Selbstverständliche bis zum Erbrechen
wiederholt werden, ohne dass bei gewissen Leuten ein
Erkenntnisprozess einsetzt?

Diesmal war's die "Reichskristallnacht", wie Hitlers
Propagandaminister Joseph Goebbels die blutige Hatz auf die Juden im
NS-Reich harmlos nannte. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache fand es
angemessen, die Demonstrationen gegen den Ball der Korporierten vor
der Hofburg mit ebenjenem Pogrom zu vergleichen.

Zur Erinnerung: Die Reichskristallnacht war keine Demonstration gegen
Ballbesucher, die auf den Schutz der Polizei zählen konnten. Am 9.
November 1938 stürmte vielmehr ein vom Propagandaminister
angestachelter Mob jüdische Gotteshäuser und setzte sie in Brand. Die
Auslagen jüdischer Geschäfte gingen in Trümmer, die Eigentümer wurden
gedemütigt oder verschleppt. Das Datum markiert den Beginn der
systematischen Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung
der Juden in Österreich und Europa.

Heinz-Christian Strache weiß das alles natürlich. Wenn er diesen Tag
mit der zarten Unbill seiner Mannen am Eingang zur Hofburg am
vergangenen Freitag vergleicht, gilt die Unschuldsvermutung für ihn
nicht. Er verharmlost wissentlich ein Jahrhundertverbrechen, weil er
in seiner Polemik kein Maß kennt. Das disqualifiziert ihn für seinen
Beruf.

Strache blieb auch gestern dem Prinzip der Umkehrung der Wirklichkeit
treu: "Ein Armutszeugnis und Sittenbild unserer Zeit und deren
Ungeist" sei, wie da von ihm berichtet werde, schreibt er auf
Facebook. Es liegt nahe, den Satz auf ihn zu beziehen, aber der
Gedanke streift ihn nicht.

Bundespräsident Heinz Fischer hat gestern das Wenige getan, was er
als Bundespräsident tun kann. Er hat dem Mandatar, der sich für den
besseren Bundeskanzler dieser Republik hält, den von der Regierung
beantragten Orden verweigert. Das ist immerhin ein Signal, dass in
Österreich nicht alles folgenlos bleibt.

Der Zwischenfall wird Strache trotzdem nicht aus der Politik zwingen,
dazu fehlt ihm die Einsicht. Er wird aber den Wahlkampf vergiften.
Statt über die Zukunft unseres Landes mit Argumenten, Fakten und
Zahlen zu streiten, werden wohlfeile Ideologiedebatten das Publikum
ermüden. Heinz-Christian Strache darf damit rechnen, dass ihm das
nicht schadet. So ist das bei uns. ***

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0291 2012-01-31 20:00 312000 Jän 12 PKZ0001 0377



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