"Mehr Augenmerk!"
Podiumsdiskussion der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft (ÖOG) über die Bedeutung klarer Strukturen in den Gesundheitsberufen zur Behandlung chronisch Kranker
Wien (OTS) -
- Ökonomisierung und Liberalisierung führen zu einer Entprofessionalisierung des Systems
- Integrierte Versorgung: Augenheilkunde verlangt die Zusammenarbeit diverser Gesundheitsberufe - die Differentialdiagnose obliegt jedoch dem Arzt
- Chronische Krankheiten können durch ganzheitliche Betrachtung des Patienten durch den Augenarzt vermindert werden
Augenprobleme gehören für über 40 Prozent der Österreicher zu
ihrem Alltag. Da nur wenige Betroffene rechtzeitig einen Augenarzt
konsultieren, werden viele Leiden erst dann bemerkt, wenn bereits
Schäden entstanden sind. Zwar wird ein Termin beim Optiker oft
wahrgenommen, regelmäßige Kontrollen beim Ophthalmologen bleiben
jedoch aus. Ziel der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft
(ÖOG) ist es, Bewusstsein für die Gesundheit der Augen in der
österreichischen Bevölkerung, in der Politik und der Ärzteschaft
selbst zu steigern - insbesondere in Bezug auf ernste Konsequenzen
bei fehlender Diagnostik und Therapie.
Bei der PERI imPULS-Podiumsdiskussion zum Thema "Mehr Augenmerk!
Die Bedeutung klarer Strukturen in den Gesundheitsberufen in der
Behandlung chronisch Kranker" am 27. Jänner in Wien diskutierten OMR
Dr. Helga Azem, Präsidentin der Österreichischen Ophthalmologischen
Gesellschaft, Prim. Univ.-Prof. Dr. Susanne Binder, Vorstand der
Augenabteilung KA Rudolfstiftung Ludwig Boltzmann Institut für
Retinologie und biomikroskopische Laserchirugie, Dr. Reinhold Glehr,
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin,
Mag. Dr. Hans Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband
der österreichischen Sozialversicherungsträger und Dr. Thomas
Holzgruber, Kammeramtsdirektor der Ärztekammer Wien über das (noch)
fehlende Bewusstsein für die Gesundheit der Augen in der
österreichischen Bevölkerung und das Verhältnis, die Kompetenzen und
ökonomische Sichtweisen diverser augenärztlicher Gesundheitsberufe -
Augenärzte und Optiker.
Ökonomisierung und Liberalisierung führen zu einer
Entprofessionalisierung des Systems
OMR Dr. Helga Azem, auch Vorsitzende der Bundesfachgruppe
Augenheilkunde und Optometrie der Österreichischen Ärztekammer,
betonte in ihrem Eingangsstatement, dass die Ophthalmologie derzeit
an einem Scheideweg stehe, der Chancen, Trends und Risiken in sich
birgt: "Chancen sind die steigende Bedeutung der Ophthalmologie durch
die demografische Entwicklung und der enorme medizinische und
technische Fortschritt. Diese Faktoren gehen alle damit einher, dass
augenärztliche Versorgung langfristig gesichert werden muss und
vermehrt zu einer Aufgabe der Gesundheitspolitik wird. Gerade im
Bereich der Ophthalmologie kann vieles an Krankheit und Kosten durch
Prävention vermieden werden", erläuterte Azem zu Beginn der
Diskussion. Des Weiteren verwies sie auf die Risiken, wie
Ökonomisierung und Wirtschaftsliberalisierung: "Diese führen zu einem
zunehmenden Eindringen von Gesundheitsberufen niedrigerer
Qualifikation in den Kernbereich ärztlicher Versorgung. Dadurch wird
dem Bürger etwas verkauft, von dem er annimmt, es wäre gratis -
jedoch zahlt er gleich doppelt: Einerseits in Form von Margen,
andererseits durch Steuern und Beiträge. Dabei erhält der Bürger aber
weniger Qualität. Diese Tatsache führt zu einer
Entprofessionalisierung des Gesundheitssystems. Dieses erspart sich
zwar kurzfristig Geld, langfristig aber zahlt das System in Form von
Folgekosten", klärte Azem über die Missstände auf und weiter: "Wir
wünschen uns die Zusammenarbeit mit Gesundheitsberufen wie Optikern.
Diese muss aber immer im Rahmen ihrer Kompetenz, Befugnis, Ausbildung
und Qualität stattfinden." Die Ophthalmologin wies zudem darauf hin,
dass gerade die heimischen Fachärzte für Augenheilkunde in Bezug auf
Augengesundheit die qualitativ beste medizinische Leistung bieten:
"Österreichs Augenärzte versorgen die Bevölkerung auf höchstem
medizinischem Niveau. Sie prüfen nicht nur das Auge an sich, sondern
betrachten den Menschen ganzheitlich. So sind sie in der Lage, nicht
nur Augenkrankheiten, sondern auch zahlreiche systemische andere
Erkrankungen, die nicht primär das Auge betreffen, zu
diagnostizieren."
Augenheilkunde verlangt die Zusammenarbeit diverser Gesundheitsberufe
Prim. Univ.-Prof. Dr. Binder wies auf die Notwendigkeit der
Vernetzung der Ophthalmologen mit anderen Fachdisziplinen hin: "Um
Patienten gesamtheitlich betreuen zu können, ist die Zusammenarbeit
von Augenärzten mit anderen Gesundheitsberufen notwendig, um
Ressourcen zu bündeln und Synergien zu nutzen", so Prim. Univ.-Prof.
Dr. Binder. Die Ophthalmologin untermauerte ihre Aussage, indem sie
darauf verwies, dass Augengesundheit vom Augenarzt betreut werden
muss, denn nur dieser hätte eine derart fundierte Ausbildung
absolviert: "Augengesundheit ist das höchste Gut des Menschen und
gehört daher in die Hand des Facharztes. Die Ausbildung der
Augenärzte dauert zwölf Jahre und umfasst dabei nicht nur die Lehre
um das Auge sondern bezieht den gesamten Körper mit allen
Zusammenhängen ein. Diagnose und Therapie obliegen daher
ausschließlich dem Arzt", stellte Prim. Univ.-Prof. Dr. Binder fest.
Kooperation zwischen Allgemeinmediziner und Augenarzt ist
unabdinglich
"Für mich als Allgemeinmediziner ist die Zusammenarbeit mit dem
Augenarzt enorm wichtig - einerseits ergibt sich die Zuweisung zur
Abklärung von Symptomen wie Sehleistungsverschlechterung,
Kopfschmerzen, Schwindel etc. andererseits vor allem zur Beurteilung
der Gefäßsituation. Viele Allgemeinerkrankungen können eine
Mitbeteiligung des Auges haben. Für Früherkennung, Prävention,
Erkennung von Medikamentennebenwirkungen etc. ist der augenärztliche
Befund unverzichtbar. Gerade die Zusammenarbeit in Hinblick auf
chronische Erkrankungen wie Diabetes und Hypertonie ist für eine
adäquate Betreuung und Behandlung unserer Patienten von hoher
Bedeutung", stellte Dr. Reinhold Glehr die Situation aus Sicht der
Allgemeinmediziner dar.
Gezielte integrierte Versorgung und Prävention zum Wohle des
Patienten
Mag. Dr. Hans Jörg Schelling erläuterte, dass jedes Jahr mehr Geld
für das Gesundheitssystem ausgegeben wird. "Weg von der Krankheit,
hin zur Gesundheit: Präventive Maßnahmen sind essentiell und dieses
Bewusstsein muss auch die Bevölkerung erlangen. Der praktische Arzt
muss als Gesundheitskoordinator durch das System helfen und Patienten
an Fachärzte weiter verweisen. Gerade in Hinblick auf die wachsende
Zahl chronischer Erkrankungen ist die gezielte integrierte Versorgung
wichtig. Unterschiedliche Gesundheitsberufe sind dazu aufgerufen,
zusammen zu arbeiten, um so dem Patienten die beste Betreuung
zugänglich zu machen. Ich spreche mich auch für eine stärkere
Wechselwirkung zwischen diversen augenärztlichen Berufsgruppen aus -
auch gut ausgebildete Optiker sollten den Patienten bei
Verdachtsfällen zum Augenarzt überweisen. Schließlich geht es um das
Wohl des Patienten und nicht um persönliche Befindlichkeiten diverser
medizinischer Fachgruppen", forderte Schelling auf.
Rechtlicher Aspekt: Harmonisierung von Gewerbeberufen und
Gesundheitsberufen
Dr. Thomas Holzgruber erläuterte, dass viele ärztliche
Fachbereiche - so auch die Ophthalmologie -durch die steigende
Lebenserwartung wichtiger werden. Er klärte über die rechtliche
Komponente auf: "In Hinblick auf die Frage nach dem Problem welche
Berufsgruppe die augenärztlichen Patienten betreuen soll, möchte ich
auf ein Grundsatzproblem hinweisen: Seit Mitte des 19 Jahrhunderts
wurden die Ärzte und andere Gesundheitsberufe aus der Gewerbeordnung
heraus genommen und haben ganz strenge Regelungen in Hinblick auf den
Patientenschutz. Wir haben das Problem die Gewerbeberufe mit den
Gesundheitsberufen zu harmonisieren, da im Gewerberecht eine
generelle Liberalisierungstendenz herrscht, die mit den strengen
Regeln des Berufsrechts der Gesundheitsberufe nicht zusammen passt,.
Gerade deshalb bin ich der Meinung, dass jene, die eine so fundierte
Ausbildung absolvieren wie der Augenarzt, auch den integrierten
Prozess der Patientenversorgung leiten und koordinieren müssen.
Gerade der schwierigste Bereich, die Differentialdiagnose, ob gesund
oder krank, muss in jedem Fall dem Arzt obliegen", so Holzgruber.
Die in diesem Pressetext verwendeten Personen- und
Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in
einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide
Geschlechter bezogen.
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