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OTS0052   29. Jan. 2012, 18:11

Die Presse - Leitartikel: "Empörung im Lager der Empörten", von Nikolaus Jilch

Ausgabe vom 30.01.2012


Die Systemkritiker von "Occupy" bis Attac sollten
begreifen: Der "freie Markt" kann nicht an der Krise schuld sein,
weil er kaum existiert.

Im Dunstkreis der österreichischen "Occupy"-Bewegung tauchten
kürzlich rechte Recken und antisemitische Zinskritiker auf. "Occupy"
ist jene international auftretende Masse von Empörten, die zuerst
protestieren und sich dann fragen, wieso. Da ist es kein Wunder, dass
allerlei Aktivisten versuchen, die neue Bewegung zu vereinnahmen. Am
rechten Rand wartet man längst ungeduldig auf den Kollaps des
Finanzsystems. Die Linken sind ohnehin seit Karl Marx davon
überzeugt, dass der Kapitalismus nur die Vorstufe zum sozialistischen
Paradies sein kann. Ein Paradies, das zu jeder Zeit nur ein, zwei
brutale Machtergreifungen entfernt war und trotzdem nie kommen
wollte.
"Die Unterscheidung zwischen links und rechts in der Politik ist
absolut wertlos. Sie war von Anfang an mangelhaft", schrieb schon der
jüdische österreichische Ökonom Ludwig von Mises, den die Nazis aus
Europa vertrieben. Er wies immer wieder darauf hin, dass extrem Linke
wie extrem Rechte sich wirtschaftspolitisch weitestgehend einig sind.
Und dass ihre sozialistische Wirtschaftspolitik dazu führen muss,
dass eine kleine Elite die Masse der Bürger unterdrückt - bis das
System unweigerlich zusammenbricht. Der Mises-Schüler Friedrich
August von Hayek hat das in seinem Opus Magnum "Der Weg zur
Knechtschaft" beschrieben.
Linke wie rechte Sozialisten eint der Glaube, dass der Staat (die
Gemeinschaft) über dem Individuum steht und dass es die Aufgabe
dieses Staates sei, die Menschen zu steuern, zu beglücken und vor
sich selbst zu beschützen - weil nur der Staat dem bösen Markt
Einhalt gebieten kann. Diese Auffassung haben übrigens auch die
Mitglieder der "neoliberalen Weltverschwörung" vertreten. Der
Etatismus regiert nicht erst seit gestern.
Deswegen ist es bedenklich, aber nicht verwunderlich, dass viele
Menschen heute neosozialistischen Obskuranten ins Netz gehen. Diese
propagieren populistische Symptombehandlungen, die das Problem weiter
vergrößern würden. Die Attac-Aktivisten sind genauso Meister in
diesem Spiel wie die technokratischen Kommunisten der sogenannten
"Zeitgeist"-Bewegung und der umstrittene WU-Professor Franz Hörmann -
ein Linker, der zuletzt durch unseriöse Äußerungen zu den Verbrechen
der Nazis aufgefallen ist. Hörmann träumt - wie einst Lenin - vom
"Ende des Geldes". Die Russen bekamen Stalin, aber Hörmann und seine
Fans glauben trotzdem fest an das Bevorstehen eines
computergesteuerten Utopia.
Diese Bewegungen sind sich unter dem Strich sogar weitgehend einig
mit den Herrschern unserer heutigen Finanzoligarchie, die die guten
Absichten der Empörten missbrauchen, um ihre Kontrolle weiter
auszubauen. Nicht umsonst hat ausgerechnet der Multimilliardär George
Soros den Begriff vom bösen "Marktfetischismus" populär gemacht. Die
Eliten haben kein Problem mit der Forderung der Masse nach neuen
Regeln. Sie schreiben diese Regeln.
Es ist allerhöchste Zeit, dass die Empörten anfangen zu begreifen,
dass die Formel Status quo = Kapitalismus = Krise schlichtweg falsch
ist. Die ach so "kapitalistische" westliche Welt ist längst zu einem
Versuchslabor sozialistischer Klempner verkommen, in dem der
überwiegende Teil der Wirtschaft zentral gesteuert wird: das
Geldsystem, die Löhne und die Zinsen. Jetzt werden auch noch die
Banken nach und nach verstaatlicht.
Nein, der "freie Markt" kann keine Schuld an der Krise haben, weil er
kaum existiert. Er wäre aber ein Teil der Lösung, würde man ihm eine
Chance geben. Das natürliche Geldsystem entsteht aus dem menschlichen
Handeln heraus und wird vom gesetzlichen Geldsystem lediglich
unterdrückt. Auch die gefährlichen Finanzmarktmanöver der Banken
wären in einem "freien Markt" ohne Zentralbanken beendet.
Kapitalismus ist vor allem eine Beschreibung des menschlichen Tuns.
Jede Einschränkung dieses Tuns ist ein autoritärer Akt, der sich
gegen die Freiheit der Menschen richtet. Bisher haben wir den
Sozialismus in seiner Kuschelvariante "Sozialstaat" erlebt. Setzt
sich aber die Mär durch, dass der Kapitalismus an der Krise schuld
sei, dann stehen uns dunkle Zeiten bevor.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
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