OTS0048   28. Jan. 2012, 17:54

"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Die Revolution der Moslembrüder, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 29.01.2012


Auch in Syrien kämen nach einem Sturz des
Diktators aller Wahrscheinlichkeit nach Islamisten an die Macht. Es
wäre trotzdem fatal, Assads mordendem Regime nicht in den Arm zu
fallen.

Vor ungefähr einem Jahr sah die arabische Welt noch anders aus. "Das
ist keine islamische Revolution", schrieb Olivier Roy. Man glaubte
dem gescheiten französischen Politologen gern. Der hegelianische
Gedanke, dass nun auch die Jugend zwischen Tunis und Kairo in den
großen liberal-demokratischen Strom der Geschichte einschwenkt, hatte
etwas Tröstendes. Leider hat sich der Optimismus als Wunschdenken
herausgestellt.
Bei der Parlamentswahl in Ägypten errangen die Moslembrüder und die
noch ungemütlichere Bartfraktion der Salafisten mehr als 70 Prozent
der Sitze. Davor schon hatte in Tunesien die Ennahda-Partei an den
Urnen triumphiert. Und auch in Libyen dürfte sich die Scharia als
Politprogramm durchsetzen, wenn das Land nicht vorher im Stammes- und
Milizenchaos versinkt.
Die Islamisten waren zwar im Arabischen Frühling nicht in den
vordersten Reihen der Demonstranten, doch im Arabischen Herbst fahren
sie die Ernte ein. Dafür gibt es vier Gründe. Erstens sind sie gut
organisiert. Zweitens gelten sie als glaubwürdige Alternative zu den
alten korrupten Eliten. Drittens kämpfen sie auf lokaler Ebene gegen
Armut. Viertens fallen ihre einfachen Botschaften auf fruchtbaren
Boden in den konservativen arabischen Gesellschaften.
Olivier Roy und andere irrten: Das ist eine Revolution der
Moslembrüder. Und trotzdem müssen sich auch die Skeptiker, die es
schon von Anfang an gewusst haben, eine Gegenfrage gefallen lassen:
Hätten sie es vorgezogen, wenn die Freiheit auf dem Altar der
Stabilität geopfert worden wäre, wenn die Regime Mubaraks, Ben Alis
oder Gaddafis unter hohem Blutzoll intakt geblieben wären?
Das ist nicht nur eine hypothetische, sondern auch eine aktuelle
Frage: Seit März hat Syriens Regime 5200 Oppositionelle getötet. Auch
in Syrien brächen nach einem Regimewechsel nicht über Nacht rosige
Zeiten an: Nach Assads Sturz stünden die Moslembrüder bereit. Es sind
Racheaktionen gegen die alawitische Minderheit zu befürchten, ein
Überschwappen der interkonfessionellen Konflikte auf den Libanon.
Das alles kann passieren. Doch soll man Assad deshalb lieber
weitermorden lassen? Sollen ihn China und Russland im Sicherheitsrat
vor Sanktionen oder gar einer Militärintervention schützen?
Die alten arabischen Herrschaftssysteme brechen auseinander, auch die
Diktatur in Damaskus. Sie aus Angst vor Neuem künstlich am Leben zu
erhalten verzögert ihr Ende nur. Man sollte sich die Islamisten, die
aus dem Schoß der Despotien kriechen, nicht als gemäßigt schönreden.
Ihnen jedoch jede Entwicklungsmöglichkeit abzusprechen könnte ebenso
trügen. Die Zukunftsszenarien bewegen sich zwischen zwei Polen: dem
türkischen, also einem islamisch-demokratischen Modell, und dem
Abdriften in fundamentalistische Repression à la Saud. Wesentlich
wird sein, ob die Moslembrüder demokratische Regeln einhalten und die
Macht bei Wahlniederlagen wieder abgeben. Daran sollte sie der Westen
messen, darauf sollte er pochen. Ganz ohne Blauäugigkeit.

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