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OTS0242   27. Jan. 2012, 16:30

Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Wenn die Arbeit ausgeht"

Ausgabe vom 28. Jänner 2012


Die EU hat erkannt, dass budgetäre Sparmaßnahmen gut
und schön sind. Wenn aus diesem Grund aber ohne jede Gegenwehr
zehntausende Jobs verschwinden, stellt sich die Frage nach der
Sinnhaftigkeit des Tuns. Kommenden Generationen etwas weniger
Schulden zu hinterlassen, ist sympathisch und richtig. Aber kommenden
Generationen keine Job- und Berufsmöglichkeiten zu hinterlassen,
wiegt schwerer.

Ohne Wohlstandsverlust in den reichen Industrienationen wird sich die
Krise ohnehin nicht beseitigen lassen. Wenn Europa aber auch noch
seine Industrien verliert, potenziert sich dieser Verlust. Und in
vielen europäischen Ländern geraten die demokratischen Systeme arg in
Bedrängnis. In Griechenland zum Beispiel wurde bereits diskutiert, ob
es zu einem Militärputsch kommen könnte.

Vor einer "verlorenen Generation" warnen sozialdemokratische und
konservative Politiker gleichermaßen. Österreich hat sich bei der
Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt geschickter
verhalten als andere Länder. Dies ist zum Teil schon auf die
Regierungsprogramme zurückzuführen. Zum größeren Teil liegt der Grund
aber in einer funktionierenden Gewerbe- und Industriestruktur - einem
Mix aus Groß- und mittelständischen Betrieben. Länder ohne diese
gesunde Wirtschaftsstruktur haben eine grauenhaft hohe
Jugendarbeitslosigkeit.

Wer aber mit 16 oder 18 Jahren keine materielle Basis für sein Leben
erkennen kann, wird auf die gewählten Politiker bald pfeifen.

Europa hat also viele Bälle in der Luft, und ob alle gefangen werden
können, ist mehr als unsicher. Zum einen darf der Sparkurs nicht
übertrieben werden, muss aber trotzdem stattfinden. Zum anderen muss
es eine Liberalisierung der Arbeitsmärkte geben - unter
Aufrechterhaltung der sozialen Sicherheit. Nur offene Märkte schaffen
Ideen und Jobs.

Ob die EU-Regierungschefs, die bisher in der Krise nicht die beste
Figur gemacht haben, diese eierlegende Wollmilchsau finden und
einfangen können, wird sich zeigen. Wenn das Augenmerk nun wieder auf
Wachstum gelenkt wird und darauf, wie die produzierende Wirtschaft
besser abgesichert werden kann, ist das ein Fortschritt. Dazu gehören
beispielsweise die kontinuierliche Ausbildung junger Menschen und
eine sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Alles
andere würde Europa zugrunde richten.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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