OTS0296   26. Jan. 2012, 18:15

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wie Monti aus der Not eine Tugend macht - von Esther Mitterstieler

Angst ist die Krankheit, die Europa derzeit am meisten lähmt


Italiens Premierminister Mario Monti steht vor einer
Herkulesaufgabe. Nicht nur musste er ein mehr als 20 Milliarden Euro
starkes Sparpaket schnüren, er muss seinen Landsleuten die
Notwendigkeit dieser unvergleichlichen und einschneidenden Rosskur
erklären. Auf der anderen Seite fordert der anerkannte Finanzexperte
auch Maßnahmen auf europäischer Ebene gegen die immer noch
abgeschotteten nationalen Märkte, so etwa die Öffnung der Märkte für
Transportunternehmen, Handwerker oder Banken und Versicherungen.
Gleichzeitig bräuchte es eine Aufweichung der Regelungen für den
Arbeits- und Dienstleistungsmarkt. Ebendieser Punkt ist bei seinem
jüngsten Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel
schlecht angekommen. Und eben hier zeigt sich wieder die
Herkulesaufgabe Montis: Der Chef einer Notregierung traut sich mal
wieder leichtfüßiger an Reformen heran als ein vom Volk gewählter
Politiker. Monti hat ja nichts zu verlieren. Als Premier und
Finanzminister verlangt er keine Gage und ist ein Vorbild.

Noch ein gewichtiger Punkt auf Montis Seite: Qua seiner Erfahrung als
EU-Wettbewerbskommissar weiß der Mann auch, was Europa braucht: Je
mehr man sich öffnet, umso mehr wächst zusammen, was zusammengehört.
Da braucht einer nicht darüber zu sinnieren, ob das Präsidialamt
abgeschafft gehört oder ein paar Nationalratsposten. Monti zeigt
eisernen Sparwillen, muss leider Steuern erhöhen und will
gleichzeitig den Euro-Rettungsschirm um mehrere 100 Milliarden Euro
erhöhen, um ihn schlagkräftiger zu machen und nicht um dort Hilfe zu
beantragen. Natürlich geben ihm Spanien und Portugal recht: Diese
Länder könnten sich allein durch den breiteren Schirm zu hohe
Zinsaufschläge sparen. Und es wäre ihnen intern geholfen, weil die
Bürger zumindest sähen: Die anderen vertrauen unseren
Reformbemühungen.

Vertrauen sollte vor Angst stehen. Das ist die Krankheit, die Europa
derzeit am meisten lähmt: Es regiert die pure Angst. Neue Wege gehen,
Lobbys wie Taxifahrer, Anwälte, Steuerberater, Apotheker endlich in
die Pflicht nehmen - da gäbe es auch hierzulande Potenzial. Das mag
unpopulär sein. Den Mutigen gehört aber die Zukunft. Schade, dass es
kaum Politiker wie Mario Monti gibt - mit europäischer und nationaler
Erfahrung.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0296 2012-01-26 18:15 261815 Jän 12 PWB0001 0355



Wirtschaftsblatt Verlag AG Zur Pressemappe

Rückfragehinweis: Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

Aussendungen von Wirtschaftsblatt Verlag AG abonnieren: als RSS-Feed per Mail

Geokoordinaten:


Errechnete Personen: