Stichworte: EU, Euro, Europa, Finanzen, Politik, Pressestimmen Channel: Politik
OTS0069   24. Jan. 2012, 10:11

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die gefährliche Sehnsucht nach dem Ende - von Hans Weitmayr

Die Reiter der Apokalypse scheinen vor Davos angekommen zu sein


Endzeitfantasien, das Spiel mit der Dystopie - also
dem Gegenentwurf zur Utopie -, all das ist wohl zumindest so alt wie
die Schrift selbst. 2012 sind Gedanken an das Ende der Dinge, den -
bereits untergegangenen - Maya sei Dank, besonders en vogue: Verlage
bringen ganze Magazinreihen heraus, die sich einzig dem Ende der Welt
widmen, dieser Tage scheinen die Reiter der Apokalypse sogar kurz vor
den Toren Davos zu stehen. Das prominenteste Risikoszenario des
aktuellen WEF-Risikoreports trägt nämlich den wohlig-gruseligen Titel
"Seeds of Dystopia". Darin ist vom möglichen Fall von "einst reichen
Ländern" - vulgo Westeuropa - die Rede, die angesichts demografischer
Risiken und erdrückender Schulden schlicht in "Rechtlosigkeit und
Unruhe" versinken könnten. WEF-Präsident Klaus Schwab spricht von
einem "globalen Burn-out-Syndrom". Er meint damit wohl die handelnden
Politiker - die Verfasser des Reports könnte er aber gleich mit
einbeziehen.
Denn die Romantik der Endzeit und die klammheimliche Sehnsucht nach
derselben sind tatsächlich ein Zeichen von Erschöpfung. Es schwingt
die heimliche Hoffnung mit, dass ein Kahlschlag alles zum Besseren
wendet. Ein solcher Wunsch kann sich aber erst dann manifestieren,
wenn man zuvor in Wirklichkeit schon einigermaßen aufgegeben hat. Es
fehlt die Energie, die Kraft, gegen den Niedergang anzukämpfen, man
gibt sich dem Abstieg hin und geht davon aus, dass mit dem radikalen
Ende des jeweiligen Systems auch dessen Probleme beseitigt sind.
So weit, so richtig. An sich. Nur leider stellen sich die Probleme
für die von einer Endzeit Betroffenen in der Regel schlimmer dar als
unmittelbar davor. Denn wenn an einem Ort ein Ende einsetzt, beginnt
regelmäßig an anderer Stelle eine neue, eine bessere Zeit. Der
Schlüsselgedanke ist: "An anderer Stelle".

Für Europa würde der Niedergang - politisch, wirtschaftlich,
kulturell, sozial - keine Katharsis auslösen, an deren Schlusspunkt
ein frischer, erstarkter Kontinent steht, sondern ein ausgelaugter,
ausgebluteter Flecken Erde, der für Generationen im Schatten anderer,
dynamischerer Regionen stehen würde.

Das heißt nicht, dass man Dingen, die falsch laufen, nicht
tatsächlich ein Ende setzen soll. Ein solches für Griechenlands
Schuldendienst ist nach der Bankenrettung durch die EZB durchaus
anzudenken. Man darf nur nicht das gesamte Projekt der EU - und somit
wohl auch das des Euro - zu Grabe tragen. Europa hat seine Defekte -
ohne Frage. Aber es geht uns allen mit Europa besser als ohne. Dafür
lohnt es sich, zu kämpfen. An ihrer Endzeit können andere arbeiten.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0069 2012-01-24 10:11 241011 Jän 12 PWB0001 0424



Wirtschaftsblatt Verlag AG Zur Pressemappe

Rückfragehinweis: Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

Aussendungen von Wirtschaftsblatt Verlag AG abonnieren: als RSS-Feed per Mail

Geokoordinaten: