OTS0231   23. Jan. 2012, 19:49

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Ölpoker kann sich das Blatt jederzeit wenden" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 24.01.2012


Noch ist alles vergleichsweise ruhig an der
Erdöl-Front: Das gestern beschlossene Ölembargo der EU gegen den Iran
führte auf dem Weltmarkt zunächst nur zu einem geringen Preisanstieg
von knapp über einem Prozent. Das muss aber nicht so bleiben. Öl ist
ein hochsensibles Handelsgut und Europa ist ein Großverbraucher, der
kurz- und mittelfristig keine Energiealternative im Talon hält.

Dass die EU nun dennoch dieses zweischneidige Schwert aus der Scheide
zieht, zeigt das Ausmaß der Dringlichkeit und wohl auch der
Verzweiflung, mit der der Kampf um die Verhinderung der iranischen
Atombombe mittlerweile geführt wird. Trotzdem stehen die Chancen
nicht schlecht, das gefährliche Spiel zu gewinnen. Denn von der
Ausgangslage her hat der Öllieferant Iran mehr zu verlieren als der
Ölkonsument Europa. Die Iraner liefern nämlich knapp 20 Prozent ihrer
Exportmenge in die EU, sie verlieren also schlagartig ein Fünftel der
Öl-Exporterlöse. Umgekehrt bezieht Europa nur knapp sechs Prozent
seiner Importmenge aus den iranischen Ölfeldern.

Das vermeintlich komfortable Pokerblatt kann sich aber rasch wenden.
Denn es sind ausgerechnet die wirtschaftlich taumelnden Staaten
Griechenland, Italien und Spanien, die innerhalb der EU die
Hauptabnehmer des persischen Öls sind. Und je mehr sie taumeln, desto
übermächtiger werden ihre politischen Sonderinteressen im Öl- und
Atomstreit sein. Die Iraner haben Griechenland mit einem großzügigen
Zahlungsaufschub für Öllieferungen gelockt. Griechenland bedankte
sich artig, indem es zuerst das Embargo verhindern wollte und dann
eine Überprüfung des Embargo-Beschlusses im kommenden April
durchsetzte.

Man wird noch viel diplomatisches Geschick auf dem brüchigen
EU-Parkett brauchen, um die gesamte Herde hinter der harten
Embargo-Linie zu halten. Will man wirklich Druck auf Teheran ausüben,
dann muss der gemeinsame Atem der EU länger sein als jener im Nahen
Osten. Und zwar auch dann, wenn das Öl wirklich knapp wird oder der
Weltmarktpreis - etwa als Folge gezielter Spekulation im Windschatten
der Geopolitik - rasant nach oben schießt.

Der Fall zeigt einmal mehr, auf welch tönernen politischen Füßen das
westliche Wirtschaftsmodell steht. Alles hängt am Ölfaden, der in den
internationalen Verwerfungen jederzeit reißen kann. Wir müssen uns
radikal um andere Energieträger bemühen, die ökologisch und politisch
sauberer sind als das trügerische "schwarze Gold".****

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0231 2012-01-23 19:49 231949 Jän 12 PKZ0001 0379



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