OTS0220   23. Jan. 2012, 18:15

Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Neo-Kapitalismuskritik"

Ausgabe vom 24. Jänner 2012


"Der Kapitalismus hat nicht gewonnen, er ist bloß
übrig geblieben." Der auch von Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky gern
zitierte Satz hat das linke Eck verlassen und schwebt nun über dem
Weltwirtschaftsforum in Davos, dem Treffen des globalen
Establishments schlechthin. Regierungschefs egal welcher Couleur und
Top-Managern egal welcher Branche wird schwummrig angesichts des
Zustandes der Welt.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt derzeit 200
Millionen Arbeitslose, mehr als vor Ausbruch der Krise 2007. Nur
Österreich, Deutschland und die Schweiz hätten es unter den
entwickelten Volkswirtschaften geschafft, die Jugendarbeitslosigkeit
unter das Niveau von 2007 zu drücken.

Für Österreich gibt es freilich keinen Grund, sich zufrieden
zurückzulehnen, eine Insel der Seligen sind wir schon lange nicht
mehr - und Österreichs Gesellschaft gehorcht schlussendlich denselben
Marktgesetzen wie alle anderen auch.

Genau die werden in Davos auf den Prüfstand gestellt. Nun kommen auch
die Entscheidungsträger der Welt drauf, dass es - der Schuldenkrise
zum Trotz - eine mäßig gute Idee war, dass alle gleichzeitig zu
sparen begonnen haben.

Die "unsichtbare Hand" des Marktes hat bewiesen, dass sie nicht
lenken will. Die sichtbare Hand der Politik hat zuletzt bewiesen,
dass sie nicht lenken kann. Eine fatale Mischung, wie sich nun
herausstellt. "Die Welt hat aus der Krise seit 2007 nichts gelernt",
tönt aus Davos. Ungewohnte Botschaften aus der Gralsburg des freien
Marktes.

Das Erstaunliche daran ist die Zurückhaltung der Politik. Manager
quer über den Globus verlangen geradezu stärkere politische
Reglements. Diese Bereitschaft verpufft in einem Gestaltungsvakuum,
das von Spekulanten gerne gefüllt wird. Lebensmittelpreise:
unerträglich hoch. Arbeitsmärkte: in einem für Jugendliche inferioren
Zustand. Soziale Absicherung: im Schwinden. Klimawandel: beschleunigt
sich. Demokratie und Freiheit: werden auch von gewählten Politikern
immer stärker zurückgedrängt.

Der Befund, wonach es um die Welt besser stehen könnte, ist
zweifellos richtig. Was indes fehlt, ist ein überzeugender
Gegenentwurf. Ideen dazu gibt es, sie liegen in einer verbindlichen
internationalen Zusammenarbeit. Nationale Entscheidungsmonopole
würden dadurch abgeschafft. Und das wäre kein Schaden.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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