• 19.01.2012, 16:53:58
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Tag eins nach Pelinka"

Ausgabe vom 20. Jänner 2012

Wien (OTS) - Niko Pelinka wird doch nicht Büroleiter des
ORF-Generaldirektors. Alexander Wrabetz muss auch einige andere
Personaldeals vorerst auf Eis legen. Die Redaktion, die gegen die
Pläne ihres Chefs Sturm gelaufen ist, hat sich durchgesetzt.

Die Verlierer der Debatte sind schnell aufgezählt: Wrabetz, dessen
Autorität nach innen und außen irreparabel beschädigt ist; Pelinka
als Person sowie als fleischgewordenes Symbol einer auf
Parteiinteressen ausgerichteten Medienpolitik von der Kanzlerpartei
abwärts.

Welche Lehren die Parteien aus diesem Lehrstück ziehen werden, bleibt
abzuwarten. Ausgeschlossen werden darf, dass sie künftig auf jeden
Versuch, ihre Interessen durchzusetzen, verzichten werden. Es wäre
dies auch gegen die Natur jeder Politik.

Man muss es so deutlich formulieren: Eine Partei hat nur dann
Interesse an einer Beschränkung politischer Einflussmöglichkeiten,
wenn gerade eine andere Truppe das Sagen hat. Ändert sich diese
Konstellation, ändert sich auch die Meinung. Das Gegenteil wird zwar
stets beteuert, allerdings nie durch Taten eingelöst.

Ideen, die Gremien des ORF dem Zugriff der Parteien zu entziehen,
gehen deshalb am Kern der Sache vorbei. Zu diesen gibt es in diesem
Land, wo praktisch jede Regung zivilgesellschaftlicher
Selbstorganisation mehr oder weniger deutlich dem einen oder anderen
Lager zuordenbar ist, keine Alternative. Hinter jedem Verein, jedem
Verband, jeder Dachorganisation lugt - mehr oder weniger deutlich -
eine Partei hervor.

Jede noch so ausgetüftelte Gremienkonstruktion für den ORF kommt
deshalb um die Parteien nicht herum. Immerhin lassen sich so ja auch
Schuldige für Fehlentwicklungen identifizieren. Keine ganz
unwesentliche Frage, wo doch alle unablässig nach den politisch
Verantwortlichen für Missstände fahnden.

Egal, wie es mit dem ORF in Zukunft weitergeht, er wird ein
Schlachtfeld für die Begehrlichkeiten der Parteien. An den
Redaktionen ist es, sich dem nach allen Seiten hin zu entziehen. Und
durch ihre Arbeit jeden Verdacht einseitiger Berichterstattung zu
widerlegen. Solches lässt sich sehr viel leichter behaupten als
tagtäglich umsetzen. Aufklärung, Meinungspluralismus und vor allem
die Lust am Widerspruch zum jeweils herrschenden Zeitgeist fallen
leider viel zu oft journalistischer Handwerksroutine zum Opfer. Und
längst nicht nur im ORF.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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