• 18.01.2012, 18:14:21
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Die Presse - Leitartikel: "Erst löschen, dann über Wasserschäden diskutieren", von Josef Urschitz

Ausgabe vom 19.01.2012

Wien (OTS) - Die kommende Rezession fällt milde aus - wenn nichts
Großes mehr passiert. So, wie die Euro-Politik agiert, sollte man das
nicht ganz ausschließen.

Fragt man österreichische oder deutsche Unternehmer, wie stark die
kommende Rezession denn ausfallen werde, dann lautet die
Standardantwort: "Welche Rezession? Unsere Auftragsbücher sind voll!"
Fragt man dagegen Prognoseinstitute oder gar die Weltbank, dann
bekommt man leicht weiche Knie: Das Szenario für die Weltwirtschaft
sei "düster", heißt es etwa in der gestern veröffentlichten jüngsten
Prognose der Weltbank für die Konjunktur. Global werde das Wachstum
auf 2,5 Prozent zurückgehen. Die Industrieländer - speziell die der
Eurozone - müssten gar mit einer Schrumpfung des
Bruttoinlandsprodukts rechnen. Und, setzen die Weltbank-Prognostiker
hinzu: Wenn die Prognose nicht hält, dann kommt es schlimmer.
Abweichungen werden eher nach unten als nach oben geschehen.
Bei Konjunkturprognosen ist eines sicher: die Revision nach drei
Monaten. Und eine alte Ökonomenweisheit lautet, dass das Schlimmste
dann überstanden ist, wenn wirklich alle die Hände über dem Kopf
zusammenschlagen und die Krise bejammern. Gut möglich, dass die
österreichischen Unternehmer zu optimistisch und die
Weltbank-Experten zu pessimistisch sind.
Ein gutes Barometer sind in solchen Situationen die Börsen: Wer viel
Geld auf Basis von Zukunftsszenarien investiert, ist darauf
angewiesen, dass seine Prognosen besonders sorgfältig erarbeitet
sind. Wenn sie die Realität nicht treffen, dann gibt es in diesem
Fall nämlich keine achselzuckende Revision, sondern einen
schmerzhaften Verlust.
Die großen Börsenindizes zeigen sich seit Jahresbeginn bemerkenswert
stabil. Das heißt, die Anleger gehen vom ersten Teil des
Weltbankszenarios aus: von einem scharfen Wachstumsrückgang in den
Emerging Markets und einer milden Rezession in der Eurozone, die
freilich in einzelnen Peripherie-Eurostaaten durchaus schmerzhaft
ausfallen kann. Beides ist seit Herbst Common Sense, in den
Börsenkursen also längst eingepreist. Wir können demnach davon
ausgehen, dass die beginnende Konjunkturkrise wesentlich milder
ausfällt als jene 2008/2009.
Wenn, ja wenn nichts Großes mehr passiert. Denn ein größeres
"Kreditereignis" - etwa ein ungeordneter Zusammenbruch Griechenlands
- würde all die (vergleichsweise) schönen Prognosen sofort zu
Makulatur machen und wirklich schwere konjunkturelle Schockwellen um
den Globus schicken.
Leider ist diese Gefahr sehr real. Und wenn man sich ansieht, wie die
Politik der Eurozone bisher auf die Krise reagiert hat, dann ist der
aufkeimende Optimismus schnell wieder dahin. Die Entscheidung über
Absturz oder Nichtabsturz der Weltkonjunktur fällt in den nächsten
Wochen in den europäischen Staatskanzleien. Wenn nach dem bisher
praktizierten Muster weitergemurkst wird, dann werden wir sehr böse
Überraschungen erleben.

Für die diversen Krisenfeuerwehrleute in Regierungen und globalen
Finanzinstitutionen wird es jetzt übrigens auch langsam Zeit, mit der
Wahrheit herauszurücken. Diese lautet: Vorübergehend geht es jetzt
nicht um ideologische Kinkerlitzchen oder akademischen Streit
zwischen verschiedenen ökonomischen Lehrmeinungen. Jetzt geht es
darum, das lichterloh brennende Haus Eurozone zu löschen, bevor der
Vollbrand außer Kontrolle gerät. Die EZB wird also wohl mit der
Bazooka auffahren müssen. Und die demokratiepolitisch äußerst
bedenklichen Eingriffe der EU in die Budgethoheit von Eurostaaten -
wie sie in Griechenland und Italien de facto ja schon praktiziert
werden - werden sich wohl häufen.
Jetzt sollte man nicht darüber diskutieren, ob das gut oder schlecht
ist oder ohnehin längst mehrfach gebrochenen Verträgen entspricht,
sondern darüber, wie man das nach hoffentlich erfolgreicher Sanierung
wieder auf die Reihe bekommt, ohne dass "Löschwasserschäden" in Form
von hoher Inflation und gewachsenen Demokratiedefiziten übrig
bleiben.
Das braucht auf Europa-Ebene freilich Politiker, die endlich
anpacken. Und nicht, wie bei uns, darüber diskutieren, wie man
irgendwann ab 2016 beginnen kann, den Staatshaushalt in Ordnung zu
bringen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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