- 18.01.2012, 18:11:47
- /
- OTS0278 OTW0278
Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Zurück in der 'Normalität'"
Ausgabe vom 19. Jänner 2012
Wien (OTS) - Auch die viel zitierten Finanzmärkte bestehen aus
Menschen, und die gehen rund um den Jahreswechsel gerne auf Urlaub.
Nun sind endgültig alle wieder zurück, und wie es scheint, kehrt die
"Krisen-Normalität" damit ebenfalls zurück. Der Internationale
Währungsfonds benötigt mehrere hundert Milliarden Dollar, um die
Folgen der Krise einzudämmen. Griechenland kämpft nur noch darum, ob
die Staatspleite geordnet oder ungeordnet über die Bühne geht. Das
Wirtschaftswachstum bremst sich weltweit stark ein, im Vorzeigeland
Deutschland wird ein Plus von 0,7 Prozent als Erfolg gefeiert.
Österreich trauert um sein "Triple A".
Nun stimmt es wohl, dass Wirtschaft auch aus Stimmung besteht, und
das ständige Wiederholen der Risken dieser Situation verstärkt diese
eher. Verschweigen macht sie aber nicht kleiner.
Faktum ist, dass Österreich eine Schulden-Vollbremsung hinlegen
könnte, und trotzdem Kreditwürdigkeit verliert. Denn Österreich ist
eine relativ kleine und daher zu Recht offene Volkswirtschaft - das
brachte und bringt Arbeitsplätze. Diese Vernetzung bedeutet freilich
stärkere Abhängigkeit von internationalen Entwicklungen. Wenn
Regierungschef Orban Ungarn zurück ins 19. Jahrhundert führt, ist das
nicht nur für Ungarn desaströs, sondern auch für Österreich.
Und wenn die EU versagt, hochspekulative Finanzprodukte zu verbieten,
dann bekommt auch die Pleite Griechenlands epidemische Ausmaße, die
über drei Umwege auch Österreich schwer treffen würden.
Im Jänner 2012 stellt sich heraus, dass sich seit Dezember 2011 daran
nichts geändert hat. Wen soll das wundern? Es ist nur mittlerweile
klar, dass die grundsätzliche Entscheidung Europas vom Vorjahr, voll
auf Schuldenreduzierung zu setzen, aber die Finanzmärkte weiter
spekulieren zu lassen, falsch war. Banken wurden gerettet, Jobs aber
nicht. Die Wettbewerbsfähigkeit Europas in der Welt hat im Vergleich
zu 2008 dramatisch abgenommen. Deutschland ist zäher als südliche
EU-Länder, aber unverwundbar ist auch dieses Land nicht - dazu ist
die globale Vernetzung zu stark geworden.
Europa kann sich entscheiden: Es geht entweder den Weg Ungarns, oder
es entscheidet sich, eine echte Union zu werden. Wenn der Weg von
Viktor Orban Schule macht, wird der Internationale Währungsfonds auch
mit zusätzlichen 500 Milliarden Dollar nicht das Auslangen finden.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






