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Die Presse - Leitartikel "Leben mit dem unperfekten Leben", von Ulrike Weiser
Ausgabe vom 12.01.2012
Wien (OTS) - Resilienz ist die "neue Nachhaltigkeit". Bei Experten
ist die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit schon angekommen. Die
Politik lässt noch auf sich warten.
Was kommt heraus, wenn man österreichische und deutsche Experten aus
Politik, Wissenschaft und Wirtschaft fragt, was in den kommenden
Jahren wichtig wird? Ein Begriff, der schon länger als "Trendwort"
gehandelt wird, einem bislang aber eher mühsam über die Lippen kommt:
Resilienz.
Resilienz ist, salopp formuliert, so etwas wie die "neue
Nachhaltigkeit" und bedeutet so viel wie Widerstandsfähigkeit. Das
Wort wurde bisher vor allem in der Technik (Elastizität) oder der
Psychologie (Talent, schwierige Lebenssituationen zu meistern)
verwendet. In der vorliegenden Arena-Analyse (Seiten 2 und 3) wird
Resilienz breiter verstanden: Es geht um die Fehlertoleranz eines
komplexen Systems, seine Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, also
Störungen auszubalancieren oder sich an neue Gegebenheiten
anzupassen. Weniger abstrakt formuliert ist Resilienz die Fähigkeit,
sich auf harte Zeiten einzustellen. Und zwar weniger, indem man
hofft, schlimme Dinge ganz abwenden zu können, sondern, indem man
aktiv versucht, mit den wahrscheinlichen und unangenehmen Folgen
fertigzuwerden. Wer das mit Realismus übersetzt, liegt nicht ganz
falsch. Ehrlichkeit ginge auch.
Was bedeutet es aber, wenn viele kluge Leute - und zwar in einer
offenen Befragung - unisono Realismus/Resilienz einfordern? Bedeutet
es überhaupt etwas? Ja, durchaus. Dahinter steckt nämlich die
ernüchternde Erkenntnis, dass die Krise, die inzwischen zum
Dauersummton geworden ist, gezeigt hat, dass sich "von selbst"
prinzipiell nichts mehr löst: Weder führt die Krise automatisch zu
einem Paradigmenwechsel (welchem auch?), noch reguliert sich alles
"eh irgendwie von selbst". Die Arena-Analyse prägt hier den hübschen,
aber etwas dramatischen Begriff der "schleichenden Apokalypse".
Der Schluss daraus: Man muss wohl selbst tätig werden. Ob in einer
fatalistischen - "Armageddon verwalten", nennt das einer der
"Arena"-Teilnehmer, Jürgen Turek vom Centrum für angewandte
Politikforschung an der LMU München - oder in einer optimistischen
Grundhaltung, bleibt dabei offen. Der Begriff Resilienz, sagt der
Kulturphilosoph Burghart Schmidt, schillert nämlich in beide
Richtungen. Wobei Optimismus günstiger ist: Denn im Idealfall -
Beispiel Klimapolitik - unternimmt man das Mögliche, um den
CO2-Ausstoß zu verringern, richtet sich aber gleichzeitig darauf ein,
dass es anders kommen wird. Ohne jegliche Hoffnung wäre so eine Übung
eher trist.
Das Bedeutende an der Analyse, sagt Turek, ist, dass es unter
Experten in dieser Frage überhaupt (spät, aber doch) einen Mainstream
gebe. Denn so lautet die Hoffnung: Was im kleinen Kreise anfängt,
zieht später größere. Und es kommt der Tag, an dem die Gesellschaft,
sprich die Bürger, von der Politik eine ehrliche Auseinandersetzung
mit den Fakten und krisenfeste Lösungen fordern. Die aktuelle
Spardebatte plus Verwaltungsreform wäre etwa ein guter Anlass.
Allerdings: Wenn man auf die Mut-/Wut-Bürger-Gemengelage blickt, ist
man geneigt, das für einen frommen Wunsch zu halten. Zumindest geht
es einem latenten Pessimisten so.
Wobei: Die Wissenschaft gibt doch Anlass zur Hoffnung. Beim Design
von Systemen oder in der Expertenklimadebatte ist Resilienz
inzwischen zum fixen Bestandteil im Anforderungskatalog geworden.
Freilich hat die Wissenschaft der Politik etwas voraus. Wir wollen es
Demut nennen. Resilienz bedeutet nämlich auch das Eingeständnis, dass
es keine perfekten Systeme und Lösungen gibt, dass man nie alles im
Griff hat und dass es eben oft schlimmer kommt, als man es sich
wünschen würde. Den Vorteil einer solchen Haltung hat schon Douglas
Adams plastisch - und hier frei übersetzt - so geschildert: "Der
Unterschied zwischen Dingen, die kaputtgehen können, und Dingen, die
nicht kaputtgehen können, besteht darin, dass Dinge, die nicht
kaputtgehen können, im Fall, dass sie doch kaputtgehen, unmöglich
zerlegt oder repariert werden können" ("Hitchhiker's Guide to the
Galaxy").
In diesem Sinn darf man hoffen, dass Resilienz letztlich nicht bloß
als modische Worthülse in Hochglanzbroschüren Karriere macht. Es wäre
doch schade darum.
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
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