• 10.01.2012, 18:18:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Der Euro als Therapeut"

Ausgabe vom 11. Jänner 2012

Wien (OTS) - Nach einem Bericht des Beratungsunternehmen McKinsey
hat kein EU-Land so stark vom Euro profitiert wie Österreich. Die
Wachstums- und Wohlstands-Dividende wird mit 7,8 Prozent der
Wirtschaftsleistung angegeben. Und es gibt keinen Grund, diesem
Ergebnis zu misstrauen. Die heimische Wirtschaft hat den Währungsraum
als zusätzlichen Ausweg aus der (umfassend gemeinten) Enge des Landes
genützt.

Die gemeinsame Währung, die es nun seit zehn Jahren zum Anfassen
gibt, hat damit vermutlich stärkere wirtschaftspolitische Akzente
gesetzt als die Regierungen seither. Schon der EU-Beitritt Mitte der
1990er hat einen Modernisierungsschub gebracht, den Österreich von
sich aus wohl nicht gestemmt hätte.

Es ist daher zu hoffen, dass sich der Euro und die europäischen
Institutionen aus ihrer momentanen Schockstarre befreien und
weiterhin für Impulse sorgen.

Denn Österreich ist ganz gut darin, relativ unversehrt aus Krisen
aufzutauchen, aber ökonomisch so richtig Gas geben ist die Sache der
Politik nicht. Man lässt es laufen, Niko-Pelinka-Mails werden lieber
herumgereicht als Pensionsreform-Papiere.

Die Studie der Berater, wonach alle Länder (sogar Griechenland) in
diesen zehn Euro-Jahren die Währung als Plus verzeichnen können, wird
auf Twitter wohl auch untergehen.

Dabei zeigt sie deutlich, wie leistungsfähig das Land ist, wenn man
es lässt. Die politischen Orchideen-Themen und ständige Perioden des
Stillstands zwischendurch lähmen hingegen. Sie zeigen ein
missgünstiges Österreich, das jedem anderen den Erfolg so lange
vergällt, bis er keiner mehr ist.

Dieser nicht so positiv zu bewertende Wesenszug des Österreichers
würde wohl - wenn das Land weiterhin in einer Binnenlage wäre - auch
wirtschaftlich zu schlechten Zahlen führen. Der mentalen Rezession
folgt die materielle.

Erst die EU und der Euro haben für jene Offenheit gesorgt, die es
nicht erlaubt, sich den Intrigen und Haxlbeißereien hinzugeben. Wenn
es heute also gilt, den Euro abzusichern und zu schützen, so liegt
das nicht nur im Interesse von Großbanken und Industriekonzernen. In
Österreich sind die EU-Institutionen auch so etwas wie
Psychotherapeuten. Sie verhindern, dass sich das Land jener
Verzweiflung hingibt, die in Pelinka- und ähnlichen Witzlos-Debatten
gipfeln.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Wiener Zeitung
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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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