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Die Presse - Leitartikel: "Wäre doch nur Griechenland unser größtes Problem", von Franz Schellhorn
Ausgabe vom 10.01.2012
Wien (OTS) - Während Euro-Notenbanker die Krise der Währungsunion
kleinreden, zeigt gerade die Stärke Deutschlands, wie schwach die
Gemeinschaftswährung bereits ist.
Für alle, die in der Frage, wie es denn um das Projekt "Euro-Rettung"
so steht, den Überblick verloren haben, hier ein kleines "Update": Am
gestrigen Montag zahlten Anleger erstmals Geld dafür, die Schulden
der Bundesrepublik Deutschland finanzieren zu dürfen. Für sechs
Monate laufende Staatspapiere akzeptierten die Investoren eine
negative Rendite. Das wiederum hat zu bedeuten, dass Deutschland mit
Schulden Geld verdient.
So etwas schaffte früher bestenfalls der "sichere Hafen" Schweiz. Was
sich liest wie ein schlagender Vertrauensbeweis in die
Gemeinschaftswährung, ist das Gegenteil davon. Es ist ein weiterer
Hinweis auf die längst stattgefundene Spaltung der Währungsunion:
Hier der desperate Süden, dort der relativ stabile Norden, in den die
Investoren samt prall gefüllter Geldköfferchen fliehen. Während also
Deutschland fast alles zugetraut wird, verlieren die Mittelmeerländer
an Vertrauen.
In diesem Zusammenhang ist auch der tiefe Fall der italienischen
Großbank UniCredit zu sehen, die allein in den vergangenen drei Tagen
knapp 40 Prozent an Marktwert verloren hat. Der Großbank gelingt es
nämlich nicht, ihre Eigentümer zum Nachschuss von Kapital zu bewegen
- obwohl ihnen die neuen Aktien zum Schleuderpreis angeboten werden.
Nun kommt es immer wieder vor, dass sich eine unbedeutende
Peripheriebank schwertut, frisches Kapital zu holen - aber eine
renommierte europäische Systembank?
Erfreulich an dieser Entwicklung ist lediglich, dass nun auch jene
für die Entscheidungen ihres Managements zur Verantwortung gezogen
werden, die es auch betrifft: die Aktionäre. Sie haben eine
Bankführung eingesetzt, die es für eine gute Idee gehalten hat, den
Schuldenkurs der Republik Italien zu finanzieren. Mit der Folge, dass
die UniCredit heute auf einem ganzen Berg (38 Milliarden Euro)
italienischer Staatsschulden sitzt, weshalb es den Aktionären nicht
zu verdenken ist, kein Geld nachschießen zu wollen. Denn der
vielversprechende Start des italienischen Expertenkabinetts von Mario
Monti ist eben (noch) nicht mehr als ein vielversprechender Start.
Geradezu gespenstisch sind allerdings nicht die jüngsten Nachrichten
von den Kapitalmärkten, sondern die seit Wochen aus dem
EZB-Hauptquartier abgesetzten Durchhalteparolen. Nicht die
Gemeinschaftswährung habe ein Problem, sondern nur einige
Mitgliedsländer der Währungsunion. Als könnte man das trennen! Das
wäre ungefähr so, als behauptete die ÖVP-Führung, nicht die Partei,
sondern nur ein paar ihrer wichtigsten Mandatare hätten bei der
Wählerschaft an Vertrauen eingebüßt.
Deutlich überzeugender liest sich die Analyse des tschechischen
Notenbank-Präsidenten, Mirsolav Singer, der gegenüber der Prager
Tageszeitung "Hospodarske Noviny" meinte: Europa sollte sich nicht
über Jahre hinweg mit Griechenland beschäftigen, das nur zwei Prozent
der europäischen Wirtschaft ausmache. Mit den bisherigen Krediten sei
hauptsächlich Zeit gewonnen worden, die den reichen Griechen dabei
geholfen habe, ihr Geld außer Landes zu schaffen. "Wenn der Wille
nicht da ist, Griechenland eine riesige Summe Geld aus europäischen
Strukturfonds zu geben, sehe ich keine andere Lösung, als dass es aus
der Eurozone austritt und die neue griechische Währung stark
abgewertet wird", so Singer.
Recht hat er. Für Ökonomen ist die Frage aber ohnehin geklärt:
Griechenland hat keine Chance, eigenständig im Euro zu überleben.
Bleibt es in der Währungsunion, wird es zum dauerhaften
Almosenempfänger. Die Finanzhilfen aus dem Norden könnten Athen dann
zwar vor der Pleite bewahren, damit würde das Land aber nicht
wettbewerbsfähig. Das geht nur über eine Rückkehr zur Drachme samt
kräftiger Abwertung.
Die Griechen haben sich für die Rolle des Transfer-Empfängers
entschieden. Nun sind die Geberländer am Zug. Deren Vertreter sollten
schleunigst eine Linie finden und diese ihren Wählern auch
"verkaufen". Angesichts der jüngsten Meldungslage drängt sich nämlich
der Verdacht auf, dass Europa wichtigere Dinge zu tun hat, als in der
Griechenland-Frage über ein Jahr lang zu dilettieren.
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