"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: 2012 und das große Unerwartete, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 01.01.2012

Wien (OTS) - Wer einen Wahlsieg Hollandes in Frankreich, Obamas Abschied, Assads Sturz oder einen Iran-Krieg vorhersagt, hat deshalb noch lange nicht das prägende Ereignis des neuen Jahres auf der Rechnung.

Prognosen haben, wie Nassim Nicholas Taleb in seiner Theorie des schwarzen Schwanes darlegt, einen kleinen entstellenden Schönheitsfehler. Sie bewegen sich zwangsläufig im Rahmen des Erwartbaren, weil sie das Vergangene nur fortschreiben. Die größten Auswirkungen zieht jedoch das Unerwartete nach sich - das, was der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in einem unvermuteten erkenntnistheoretischen Anfall einmal "unknown unknowns" (unbekannte Unbekannte) genannt hat. Tief in die Geschichte graben sich meist Ereignisse ein, mit denen niemand gerechnet hat. Oder hat vor einem Jahr irgendwer den Arabischen Frühling kommen gesehen? Ich jedenfalls nicht.
Man könnte nun angestrengt im ohnehin nicht allzu heiteren Himmel nach überraschenden Phänomenen Ausschau halten. Doch richtig gut kann man sich das Unvorstellbare erst im Nachhinein vorstellen. Und deshalb bleibt auch der folgende Ausblick auf 2012 innerhalb der Leitplanken, die das abgelaufene Jahr vorgezeichnet hat.
Alsdann: Auf die Eurokrise ist auch heuer Verlass; sie wird auflodern, sobald Italien neue Schulden aufnehmen muss, also im Februar. Weitere Orientierung bietet, wenn schon nicht der Maya-Kalender, zumindest der Wahlkalender. Zwei Termine könnten Kehrtwenden einleiten: Sollte der Sozialist Francois Hollande am 6. Mai die französischen Präsidentenwahlen gewinnen, hätte der Siebzehnerbob im Eiskanal der Eurozone einen Schuldenbremser weniger. Ein halbes Jahr später entscheidet sich, ob der entzauberte Wunderheiler Barack Obama nach nur einer blockierten Amtszeit schon wieder Geschichte ist. Triumphieren die Republikaner, werden sie die Axt an die Sozialausgaben anlegen und auch außenpolitisch robuste Werkzeuge auspacken. Zur Konfrontation mit dem Iran könnte es schon davor kommen. Wenn Israel im Schatten des US-Wahlkampfs Luftangriffe auf Irans Nuklearanlagen fliegen sollte. Für Teherans Führung, die ihr für Silvester geplantes Raketentest-Feuerwerk zunächst aufgeschoben hat, könnte es ein Horrorjahr werden. Fällt Syriens Machthaber Assad, verlieren die Mullahs regionalen Einfluss. Nicht auszuschließen ist auch, dass sich der Arabische Frühling auf das andere Ufer des Golfs ausweitet: Manipulationen bei Irans Parlamentswahlen Ende März könnten der 2009 niedergeschlagenen Protestbewegung Leben einhauchen.
Der Nahe Osten wird jedenfalls auch heuer kaum zur Ruhe kommen: In Ägypten greifen die Moslembrüder nach der Macht. Spielt die Armee mit, wird das die islamistischen Vereinskollegen zwischen Palästina, Syrien und Libyen beflügeln, vielleicht auch die Opposition im ölreichen Saudiarabien. Offen bleibt, ob die Verantwortung mäßigend auf Allahs politisches Bodenpersonal wirkt oder sich Radikalismus Bahn bricht.

Demokratiewelle. Die Königsfrage aber lautet anders: Wird das Volk auch in anderen Weltregionen aufstehen? In Russland stößt Wladimir Putin vor der Präsidentenwahl am 4. März erstmals auf ungehörigen Widerstand undankbarer zorniger Bürger. Auch Zentralasien zeigt Anzeichen von Unruhe. In Venezuela wackelt das System des krebskranken Autokraten Hugo Chávez. Stürzt es ein, werden das auch die Genossen in Kuba zu spüren bekommen. Im totalitären Tollhaus Nordkorea ist kein Aufstand absehbar, aber Kim III. wird rund um den 100. Geburtstag seines Großvaters mit Militärprovokationen den halbstarken Mann markieren.
Und China? Eine Rezession in Europa könnte auch das exportabhängige Boom-Reich der Mitte hinunterziehen, ebenso das Platzen von Spekulationsblasen. Die wachsende Mittelschicht fände das gar nicht lustig. Auch die Diktatur der chinesischen Stamokap-Kommunisten ist nicht auf Granit gebaut. Ob sie ausgerechnet heuer bröckelt, wenn das Zepter an den Kronprinzen Xi Jinping weitergereicht wird? Vermutlich nicht.
Doch irgendwo wird das große Unerwartete passieren. Wir werden es spätestens 2013 schon immer gewusst haben.

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