- 30.12.2011, 18:15:14
- /
- OTS0122 OTW0122
"Die Presse" - Leitartikel: Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 31.12.2011
Wien (OTS) - Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen
Leitartikel von Michael FLEISCHHACKER
So, wie es aussieht, werden wir auch 2012 Silvester feiern.
Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, ein wenig vom zyklischen
Denken der Maya zu lernen.
Dass die Weltuntergangshypothesen rund um den Maya-Kalender, der zur
nächsten Wintersonnenwende endet, sich so gut vermarkten lassen, muss
niemanden wundern. Angst-Lust-Phänomene florieren in saturierten
Gesellschaften, in denen die mit der Deutungshoheit ausgestatteten
Eliten nie die Erfahrung existenzieller Ängste gemacht haben, wie sie
Kriege und große Naturkatastrophen mit sich bringen.
Zur Erzeugung von Angst-Lust-Reizen eignen sich besonders gut
Ereignisse oder Vorgänge, die zwei Voraussetzungen erfüllen: Erstens
müssen die Menschen genug davon verstehen, um zu wissen, dass
dahinter so etwas wie ein reales Bedrohungspotenzial liegt. Zweitens
müssen sie wenig genug davon verstehen, um den Übergang von einem
realen Bedrohungspotenzial in eine fiktionale Untergangserzählung
nicht wahrnehmen zu können.
Ökonomische Krisendiskurse, wie wir sie 2008/2009 und auch während
des gerade zu Ende gehenden Jahres erlebt haben, funktionieren
inzwischen auch nach diesem Muster: "Wir haben in den Abgrund
geschaut", erklärten die Finanzmagier, die von Taschenspielern nicht
immer leicht zu unterscheiden sind, nachdem die Notenbanken die
Finanzinstitute weltweit mit gigantischen Liquiditätsspritzen
versorgt hatten. Man prägte das Bild von der gerade noch verhinderten
"Kernschmelze" des Finanzsystems (obwohl es sich technisch eher um
eine Art Gefrierschockstarre handelt).
Was bedeutet das Bild? Dass in einem solchen Fall alles Leben im
Umkreis der Finanzreaktoren ausgelöscht würde? Physisch? Oder doch
nur ökonomisch? Bedeutet es, dass wir alle Geldkrebs bekommen und
unsere Kinder mit Fingern aus wertlosen Münzenrollen zur Welt kommen?
Nun, wir wissen es nicht, und davon lebt das Geschäft mit der
Angst-Lust. Dass dieses Nichtwissen Angst hervorrufen kann, hängt
damit zusammen, dass unser Denken sich auf einem linearen Zeitstrahl
abspielt, der ohne Ende schwer zu denken ist. Und Ende ist nie
wirklich toll, ehrlich gesagt nicht einmal dann, wenn man an ein
Leben danach glaubt. Die Maya würden sich vor ihrer eigenen
sogenannten "Prophezeiung", wenn sie nicht aufgrund ihrer
unterdurchschnittlichen Prognosefähigkeit früher zugrunde gegangen
wären, heute mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht fürchten. Ein
Zyklus geht zu Ende, ein nächster beginnt: So what?
Nein, die Welt wird 2012 nicht untergehen. Und doch geht etwas seinem
Ende zu, und etwas Neues beginnt. Nicht heute, nicht morgen, nicht
endgültig. Es scheint auf dem Feld der politischen Ökonomie so etwas
wie 20-Jahres-Zyklen der ideologischen Prädominanz zu geben: Die
ersten 20 Jahre nach dem Krieg gehörten der rechten Mitte, von 1968
bis 1989 krallte sich ein softer Sozialismus fest, der während der
vergangenen zwei Jahrzehnte von einer liberalen Oberflächenstruktur
überwuchert wurde. Diese wurde vom Wind der Krise weggeblasen, und
man ist gerade dabei zu sehen, was denn wirklich darunterliegt.
Mildere Formen der linearen Zeitvorstellungsparanoia sind Vorsätze.
Wer jemals erfolglos versucht hat, das Rauchen aufzugeben, weiß, wie
es geht: Wer jedes Vorhaben zum Armageddon hochstilisiert, sorgt
dafür, dass die Welt nur noch aus Untergängen besteht. Das gilt für
ökonomische Prognosen genauso wie für politische Erwartungen, in
pädagogischen Fragen ist es nicht anders als in medizinischen. Die
Hysterisierung, die in dieser Art des Denkens angelegt ist, führt
dazu, dass Einzelne, Organisationen und Gesellschaften immer
deutlicher hörbar mit Vollgas im ersten Gang fahren.
"Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen." Konrad Paul Liessmanns
Bonmot könnte beim dringend nötigen Hochschalten in den dritten oder
vierten Gang eine hilfreiche Anleitung sein. Ein größeres Maß an
Verständnis für die Eigenzeitlichkeit und den zyklischen Charakter
der entscheidenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft hätte den
Effekt, den jeder Autofahrer kennt: In einem höheren Gang ist man mit
weniger Lärm und weniger Kraftstoffverbrauch schneller unterwegs.
Rückfragehinweis:
[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






