• 29.12.2011, 18:15:30
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Was für die nächsten 10 Jahre gelernt wurde - von Hans Weitmayr

Soll es einen 20. Jahrestag geben, darf es keine Denkverbote mehr geben

Wien (OTS) - Treten runde Jubiläen ein, neigen Laudatoren und
Gefeierte dazu, sich wohlig saturiert zurückzulehnen, sich der guten
Zeiten mit sanftem Lächeln und der nicht so guten Zeiten mit einem
wohligen Schauer zu besinnen und in gegenseitiges, freundliches
Schulterklopfen abzugleiten. Zum zehnjährigen Jubiläum der Einführung
des Euro als Bargeld werden sich derartige Szenen wohl eher in
beschränktem Maße zutragen. Ein verklärter Blick zurück ist
angesichts der vergangenen beiden Jahre unmöglich.

Also ein nüchterner Blick nach vorne - und der macht wider Erwarten
Hoffnung. Denn die Tiefe der Krise hat zumindest eines bewirkt: Die
fatalen Konstruktionsmängel der Eurozone wurden schonungslos
offengelegt. Damit einhergehend wurden jahrzehntealte Denkverbote
aufgehoben. Daraus kann man die wichtigste Lektion für die nächsten
zehn Euro-Jahre ableiten: Über Undenkbares muss nachgedacht werden
dürfen. Ein Beispiel: Der Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone.
Dieser Satz lässt Politiker wie Ökonomen allerorts "Tabu, Tabu!",
rufen. Fällt Griechenland, fällt der Euro, fällt die Union, so das
Dogma. Belegbar ist das nicht. Denn nach wie vor befinden sich zehn
von 27 EU-Mitgliedern außerhalb der Eurozone. Diese Spaltung hat
bislang niemanden gestört. Träte Griechenland temporär aus der
Eurozone aus und nähme es eine nationale Währung an, wären es elf
statt zehn Ländern.

"Ansteckung, Ansteckung!", schallt es aus den Tabu-Ecken. Doch auch
das ist nicht belegbar. Nähme man die Gelder, die eine Stützung
Griechenlands kosten würde, und kaufte damit konsequent und in großem
Stil Peripherie-Anleihen vom Sekundär- und Primärmarkt auf, würde das
in ersterem Fall den Refinanzierungsdruck mildern und in zweiterem
die Märkte beruhigen. Man muss nur entschlossen handeln. Wie man
erfolgreich interveniert, hat die Schweizerische Notenbank
überraschend erfolgreich am eigenen Franken demonstriert. Dass die
EZB nicht über das Mandat verfügt, im Primärmarkt zu agieren, ist
wiederum eine Tatsache, über die man nachdenken sollte.

Das heißt nicht, dass das hier geschilderte Szenario unbedingt
funktioniert - man muss es aber seriös durchspielen dürfen. Denn
wollen wir in zehn Jahren den 20. Jahrestag der
Euro-Bargeld-Einführung feiern, muss gelten: Keine Denkverbote mehr.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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