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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Militär versus Ökonomie"
Ausgabe vom 30. Dezember 2011
Wien (OTS) - Säbelrasseln: So lautet der gängige Ausdruck für die
komplizierten Vorgänge am Persischen Golf. Die USA demonstrieren
Entschlossenheit, den iranischen Drohungen einer Sperre der
strategisch wichtigen Straße von Hormus entgegenzutreten. Notfalls
mit militärischer Gewalt. Der Eindämmung von Teherans Einfluss dient
auch die Absicht Washingtons, seine Verbündeten in der Region massiv
aufzurüsten.
Dass die USA so massiv auf die militärische Karte setzen, mag viele
überraschen. Eine solche Strategie hätte doch, gemäß der in Europa
populären Logik, mit dem Abgang der intellektuell beschränkten
Bush-Administration passé sein sollen. Warum vertraut auch der
Liberale und Multilateralist Barack Obama auf die militärische Macht
der USA? Zumal doch - gemäß einer weit verbreiteten Überzeugung unter
Experten für internationale Politik - die rohe Gewalt des Militärs
spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges von der Macht der
Wirtschaft abgelöst wird. Wenigstens in diesem Punkt hätte der
Marxismus als Weltendeuter also recht behalten.
Zweifellos hat die Bedeutung wirtschaftlicher Stärke auf die
internationale Politik stark zugenommen - und wird weiter zunehmen;
anderes zu behaupten, wäre angesichts des aktuellen
Kräftegleichgewichts absurd. Aber gleichzeitig hat der Einfluss
militärischer Macht nicht in dem Maß abgenommen, wie es manche
Experten prognostiziert beziehungsweise erhofft haben.
Militärische Macht, so schreibt der liberale US-Politologe und
Ex-Politiker Joseph S. Nye in der aktuellen Ausgabe des Magazins
"Phoenix", verleihe "ein Maß an Sicherheit, das sich zur Ordnung
verhält wie die Luft zum Atmen: Man merkt sie kaum, bis sie knapp
wird, von welchem Punkt an ihr Fehlen dann alles andere dominiert."
Schon einmal, während der Ära Bill Clintons in den 1990ern,
versuchten sich die USA als damals einzige verbliebene Supermacht in
der Rolle des globalen Stabilitätsfaktors. Die Spin-Doktoren dieser
Strategie sprachen von den USA als "wohlwollendem Hegemon". Nun
versucht Obama dieses Konzept wiederaufzunehmen. Allerdings hat sich
seit Clinton die Welt weitergedreht: 9/11; der Aufstieg Chinas,
Brasiliens, Indiens; die Demilitarisierung Europas ...
Den USA ist dagegen ihre militärische Macht geblieben, doch damit
lässt sich immer noch viel bewirken - nicht nur Schlechtes.
Hoffentlich.
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