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"Die Presse" - Leitartikel: Was verbirgt sich in den Falten, die die Wirklichkeit wirft?, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 24.12.2011
Wien (OTS) - Zu Weihnachten feiern die Christen die Menschwerdung
Gottes. Man muss nicht an Gott glauben, um sich um die Menschwerdung
des Menschen zu bemühen.
Diesmal also keine Holzschnitte, keine Burka-Madonnen, kein
Stephansdom mit Halbmond. Nur eine Leere Seite, die Falten wirft und
ein paar verstörend adaptierte Biedermeiersujets. Markus Schinwald,
der uns dieses Jahr Arbeiten zur Gestaltung der
"Presse"-Weihnachtsausgabe zur Verfügung gestellt hat, interessiert
sich als Künstler seit jeher für zwei Dinge: Was verbirgt sich in den
Falten, die die Wirklichkeit wirft? Und wie kommt es, dass wir als
Menschen immer wieder von den Äußerlichkeiten überwuchert, zugemüllt
und eingesponnen werden, von denen wir eigentlich geglaubt haben,
dass wir sie als kunstvoll gefertigte Attribute unseres Status in der
Welt unter Kontrolle hätten?
Schinwalds Arbeiten sind eine Einladung zur Überprüfung unserer
Wahrnehmungsgewohnheiten. Er sagt uns nicht, was sich in den Falten
verbirgt, er erklärt uns nicht, was genau es war, das das Gesicht des
kirchlichen Würdenträgers unter dem äußeren Zeichen seiner Würde hat
verschwinden lassen. Er sagt uns nur: Da ist noch etwas, eine Art
Spalt in der Wirklichkeit. Durch diesen Spalt schleicht sich
gelegentlich das Unheimliche in unseren Alltag, durch diesen Spalt
dringt das Außen in das Innen.
Ein solcher Spalt kann aber auch das sein, was der Philosoph und
"Presse"-Kolumnist Peter Strasser den "Weg nach draußen" nennt.
Strasser diagnostiziert in unserer spätmodernen Welt eine Art
"Immanenzverdichtung". Im Zuge von Aufklärung, Entmytholgisierung und
Verwissenschaftlichung wurden die Schotten der Wirklichkeit
dichtgemacht. Es wird immer deutlicher, dass das den Menschen nicht
besonders gut bekommt. Vor dem Hintergrund der christlichen
Weihnachtserzählung könnte man sagen: Die Zurückdrängen der
Vorstellung von der Menschwerdung Gottes hat die die Menschwerdung
des Menschen nicht wirklich erleichtert - eher im Gegenteil.
Indem wir Markus Schinwalds Falten auf unserer leeren Titelseite
platzieren, erlauben wir uns eine Interpretation, die der Künstler
nicht vorgibt: Wir laden zu der Überlegung ein, ob sich zwischen den
Falten unserer Wirklichkeit nicht doch ein Spalt verbergen könnte,
der für einen angemessenen Grad an Durchlässigkeit sorgt.
Schinwalds Biedermeier-Überarbeiten bieten sich für eine sehr
spezielle Lesart von Peter Strassers Bild der "Immanenzverdichtung"
an: Sie macht nicht nur jenen Menschen Probleme, die sich
entschlossen haben, allen Vorstellungen von Transzendenz und
religiösem Glauben zu entsagen, sondern auch - und vielleicht vor
allem - den offiziellen und beamteten Vertretern der verfassten
Religion. Da sitzt ein hoher Geistlicher, ein Bischof vielleicht oder
ein Kardinal, dem das Amtsgewand, der modische Ausdruck seiner
spirituellen Funktion, buchstäblich über den Kopf gewachsen ist.
Schinwalds Manipulationen alter Schinken, die Implantierung von
allerlei schrägen Gerätschaften und Vorrichtungen in die
repräsentative Abbildung von reputierlichen Individuen, sprechen
mehrheitlich unsere tief schlummernde Sensibilität für das
Übernatürliche als das Unheimliche an. Ist es nicht in der Tat
unheimlich zu sehen, wie jene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben,
den Himmel offen zu halten, die Falten und Spalten in der
Wirklichkeit zu kultivieren, sich selbst in den Insignien ihrer
Bedeutung eingenäht haben?
Gott ist Mensch geworden, sagt die christliche Weihnachtsbotschaft,
er ist durch den Spalt in der immanenzverdichteten
Kochtopfwirklichkeit geschlüpft und hat damit auch den Weg nach
draußen offen gehalten.
Man muss nicht an diesen Gott glauben, um zu sehen, dass die
Menschwerdung des Menschen, seine Fähigkeit zum Selbstausdruck
wesentlich damit zusammenhängt, seine Wahrnehmung für die kleinen
Risse in der Wirklichkeit zu schärfen und sich für die Falten zu
interessieren, die sie wirft. Spirituelle Übung und künstlerischer
Ausdruck gehören in wechselnden Konstellationen - miteinander,
gegeneinander, nebeneinander - seit jeher zu den vornehmsten Formen
der Menschwerdungspädagogik. Ich danke Markus Schinwald für das
Unterrichtsmaterial.
Rückfragehinweis:
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