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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Schuld und Reue"

Ausgabe vom 23. Dezember 2011

Wien (OTS) - Es muss schlecht, sehr schlecht um Christian Wulff
gestanden sein. Warum sonst hätte sich der deutsche Bundespräsident
nun an den letzten Strohhalm geklammert, der seinem Stand zur
Verfügung steht - die öffentliche Bitte um Vergebung?

Sich entschuldigen zu müssen, gilt in politischen Kreisen als
größtmögliche Niederlage vor dem Rücktritt. Die Mechanismen
öffentlicher Reue sind dabei so archaisch wie fix vorgegeben: Mit
einem schnell dahingeworfenen Sorry ist es nämlich nicht getan,
notwendig ist die große Unterwerfungsgeste, die Anerkennung der
eigenen moralischen Verfehlung, die Adaptierung des christlichen
Schuldbekenntnisses. Für Politiker unserer Zeit gibt es keine größere
Strafe - zumindest nicht auf dieser Seite des Strafgesetzbuchs.

Vom Publikum und den Medien wird sodann erwartet, dass Milde walten
gelassen wird, Gnade vor Recht sozusagen - aber eben erst nach der
inszenierten Büßergeste. Phrasen vom Recht auf eine zweite Chance
haben nun, stilistisch bedauerlich, journalistische Hochkonjunktur.
Sieger sind eben zu Großmut verurteilt.

Wehe, wenn diese Regel gebrochen wird - die Hoffnung auf den
Mitleidseffekt entspricht bei Politikern dem Glauben an die
Wiederauferstehung im Christentum. Politiker, die einmal den Beweis
ihrer charakterlichen Defizite ohne Reuebekenntnis überlebt haben,
tendieren dazu, gefährlich unabhängig von dem zu werden, was über sie
geschrieben wird.

Bleibt die Frage, woher die Lust an der öffentlichen
Selbst-Erniedrigung unserer Volksvertreter rührt? Zweifellos sieht
man die Mächtigen gerne stolpern, ist dies doch eine der raren
Gelegenheiten, die stets versprochene Demut der Amtsträger
einzufordern. Gemeinhin hat die Welt der Staatenlenker und
Provinzfürsten nämlich doch wenig mit dem Alltag der Bürger gemein.
Es bisschen Selbstgeißelung wirkt da durchaus systemerhaltend.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass - rein nach den Grundsätzen der
Wahrscheinlichkeitsrechnung - früher oder später jeder Politiker
durch diese hohle Gasse kommen wird. Warum sollten wir sonst den
Anspruch auf charakterliche Unfehlbarkeit an unsere Politiker zum
höchsten Gut erklärt haben? Wir setzen auf aalglatte Moralapostel,
andere Zeiten hatten andere Prioritäten bei der politischen
Personalauswahl.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Tel.: +43 1 206 99-474
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