- 19.12.2011, 18:32:21
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"Die Presse"-Leitartikel: Die nordkoreanische Anomalie kann nicht ewig bestehen, von Christian Ultsch
Ausgabe vom 20. 12. 2011
Wien (OTS) - Ohne Wirtschaftsreformen kann Nordkorea nicht
überleben. Sobald sich das Land jedoch öffnet, wird das bizarre
totalitäre System schnell zusammenbrechen.
Kim ist tot, lange lebe Kim. Das spezielle nordkoreanische
Herrschaftsmodell einer kommunistischen Familiendiktatur geht in die
dritte Generation. Die Erbfolge hatte der "Liebe Führer" Kim Jong-il
schon vor seinem Tod geregelt. Dementsprechend reibungslos schien sie
am Montag über die Bühne zu gehen. "Großer Nachfolger" wird Kim
Jong-un, der dritte und jüngste Sohn des verstorbenen Diktators. Die
"Arbeiterpartei" vertraute sich in einem Kommunique umgehend der
Führung des jungen "Genossen" an.
Kim Jong-un, der um die 29 Jahre alt ist (ganz genau weiß man nicht
einmal das), hatte knapp drei Jahre Zeit, sich auf den Job
vorzubereiten. Der Herr Papa begann nach einem Schlaganfall im August
2008, sein Haus zu bestellen.
In diktatorischen Systemen bergen Phasen des Übergangs immer auch -
je nach Sichtweise - erhöhte Risken oder Chancen in sich. Die
Übertragung der Macht auf Kim Jong-un dürfte gut vorbereitet worden
sein. Er hat, wie es heißt, nicht nur die Partei hinter sich, sondern
vor allem auch seinen Onkel, den mächtigen Sicherheitschef Chang
Sung-taek.
Erste Anzeichen deuten jedenfalls nicht auf Diadochenkämpfe innerhalb
der Militärführung hin. Aber das ist letztlich alles Spekulation. Wer
als Außenstehender über Nordkorea berichtet, ist auf bruchstückhafte
Informationen angewiesen, die sich auf die eine oder andere Weise
zusammensetzen lassen. Es gibt auf diesem Planeten kein Land, das
abgeschotteter oder intransparenter wäre.
Orientierung geben jedoch Erfahrungen der Vergangenheit. Und da
bildeten sich Muster heraus, die vermutlich auch Kim Jong-un nicht so
leicht durchbrechen kann und wird: Oberstes Ziel des nordkoreanischen
Systems ist der Machterhalt. Und dabei geht die Führung buchstäblich
über Leichen. Millionen Menschen fielen allein Ende der 1990er-Jahre
Hungersnöten zum Opfer. Für das Militär und den Bau von Atombomben
war jedoch immer genug Geld da, denn damit sichert das Regime sein
Überleben. Raketen- und Atomtechnologie ist der einzige
Exportschlager dieses Staates - und auch die einzige außenpolitische
Karte, die der verstorbene Diktator bei all seiner Exzentrik brillant
gespielt hat.
Immer wieder ließ sich Kim Jong-il in Verhandlungen
Scheinzugeständnisse abkaufen, um dann doch weiter heimlich an der
Atombombe zu bauen. Mittlerweile hat das Regime nach Schätzungen von
Geheimdiensten Material für acht Nuklearsprengköpfe beisammen und
auch die nötigen Raketen dafür. Dadurch und mit seiner zur Schau
gestellten aggressiven Unberechenbarkeit hat das Regime einen
Sicherheitsschirm aufgespannt, der es vor militärischen
Interventionen bewahrt. Mindestens ebenso viel Schutz bietet die
Allianz mit China, das den verstorbenen Diktator Nordkoreas am Montag
ohne Anflug eines kritischen Tons als großen Führer würdigte und sich
hinter Kim Jong-un stellte. Die vielleicht effizienteste
Versicherungspolice Nordkoreas ist jedoch seine Schwäche: Sowohl
China als auch Südkorea fürchten einen abrupten Zusammenbruch des
Regimes, der Flüchtlingsströme, Unsicherheit und hohe Kosten mit sich
brächte.
Und doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis das System kollabiert.
Eine historische Anomalie, wie sie Nordkorea 22 Jahre nach Ende des
Kalten Krieges immer noch darstellt, kann nicht ewig bestehen
bleiben.
Mehr als einen Spalt hat Kim Jong-il sein Land in den vergangenen
Jahren nie aufgemacht. Aus gutem Grund: Wird das Land wirtschaftlich
durchlüftet, wird auch die bizarre totalitäre Herrschaft weggefegt.
Der Übergang in Pjöngjang bringt die Chance, den neuen Machthaber
dazu zu verführen, die Türe so weit zu öffnen, dass er nicht mehr
imstande ist, sie zu schließen. Das Experiment kann aber auch
scheitern und dem Regime eine Luftzufuhr bescheren, mit der es wieder
ein paar Jahre überlebt.
Die größte Gefahr des Übergangs besteht jedoch darin, dass der Junior
Stärke demonstrieren will und militärisch provoziert. Und solche
Spiele können auf der hochgerüsteten koreanischen Halbinsel jederzeit
außer Kontrolle geraten.
Unter Kim Jong-un beginnt ein neues Spiel, das sich als genauso zäh
erweisen könnte wie das alte.
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