• 19.12.2011, 17:28:12
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Das Böse ist kein Witz"

Ausgabe vom 20. Dezember 2011

Wien (OTS) - Hannah Arendt schrieb in Bezug auf Adolf Eichmann von
der Banalität des Bösen. Kim Jong-il, Nordkoreas verstorbener
Diktator, verkörperte zeit seines Lebens die groteske Lächerlichkeit
des Bösen: Das pummelige Gesicht, die Stachelfrisur, die unbeholfenen
Bewegungen, dazu all die Geschichten über seine Vorliebe für Cognac,
Tänzerinnen und Hollywood, dass er nur per eigenen Zug zu reisen
pflegte, seine Geburt von einer Schwalbe an- und von einem Stern samt
doppeltem Regenbogen schließlich verkündet worden sein soll.

Über all dies lässt sich aus sicherer Distanz trefflich Witze reißen,
der jenseitige Führerkult schaffte es in Wien sogar zu
Ausstellungsehren. Nordkorea wurde auf diese Weise zu einem abstrusen
Kuriositätenkabinett verniedlicht, das man doch - bitte schön -
unmöglich ernst nehmen könne.

Dass es in diesem kommunistischen Absurdistan Konzentrationslager für
politische Häftlinge von unbeschreiblicher Grausamkeit gibt,
zumindest Hunderttausende, wenn nicht Millionen, verhungerten:
Mangels gesicherter Informationen erhielt die unvorstellbare
Brutalität dieses Regimes niemals die mediale Aufmerksamkeit, die die
Opfer verdienen würden.

Wahrscheinlich wollen wir es mit den Opferzahlen in Nordkorea gar
nicht so genau wissen. Aus Wissen entsteht schließlich Verantwortung
- für eine klare politische Position, für tatsächliches Engagement.
Im routiniert abgewickelten Alltag dagegen ist Nordkorea weit, sehr
weit weg. Und was kann man über solche Distanzen hinweg schon tun,
wenn man die Verhältnisse vor Ort nur vom Hörensagen kennt? Eben. An
Nordkoreas abgeriegelten Grenzen prallen die Reden von universalen
Werten wie Gummibälle ab.

Dabei regiert das Machtkartell in Pjöngjang mit eiskaltem Kalkül.
Witzfiguren schaffen keine Diktatur ohne Schlupflöcher,
perfektionieren keinen Unterdrückungsapparat, spielen nicht mit der
Weltgemeinschaft in Sachen Atom seit Jahren Katz und Maus.
Tatsächlich entspringt auch dieses nukleare Rüstungsprogramm
politischer Kalkulation, ist es doch das einzige Faustpfand in den
Händen der Diktatur.

Zu hoffen ist, dass die Weltöffentlichkeit wenigstens beim dritten
Kim ihr Augenmerk weniger den - jetzt schon wieder kolportierten -
Spleens und Ticks des Neuen widmet als vielmehr die Brutalität dieses
Regimes anprangert.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Tel.: +43 1 206 99-474
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