OTS0093   13. Dez. 2011, 11:15

Qualifikationen europaweit vergleichbar machen: "Europäischer" und "Nationaler Qualifikationsrahmen"

Chancen und Risiken für Bildungssystem, ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen


"Entspricht Stufe sechs des EQR" - das könnte nach
den Plänen der EU ab 2012 auf allen österreichischen
Bachelor-Zeugnissen stehen. Was aber verbirgt sich hinter den
Begriffen EQR und NQR und welche Auswirkungen haben die unscheinbaren
Kürzel auf Österreichs Bildungssystem? Antworten gibt es unter
http://erwachsenenbildung.at/themen/nqr sowie in der aktuellen
Ausgabe der Online-Zeitschrift Magazin erwachsenenbildung.at mit dem
Titel "Nationaler Qualifikationsrahmen. Castle in the Cyberspace oder
Förderung der Erwachsenenbildung?", die unter
www.erwachsenenbildung.at/magazin zum kostenlosen Download bereit
steht.

Derzeit in Umsetzung: Der "Nationale Qualifikationsrahmen (NQR)"

Seit 2007 arbeitet die österreichische Bildungspolitik an der
Entwicklung und Umsetzung des "Nationalen Qualifikationsrahmens
(NQR)". Dieser soll erworbene Qualifikationen nach festgelegten
Kriterien innerhalb Österreichs vergleichbar machen. Erfasst werden
sollen alle Qualifikationen von der Muttersprache über die
Volksschule und das selbst beigebrachte "Garteln" bis zum
Universitätsabschluss und Töpferkurs in der Pension.

Hintergrund: Ab 2005 wurde auf EU-Ebene der "Europäische
Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR)" entwickelt.
Dieser ist ein Übersetzungsinstrument, welches die unterschiedlichen
Bildungs- und Qualifikationssysteme der europäischen Staaten
zueinander in Bezug bringen soll. Ziel ist es, Qualifikationen
international vergleichbar und für den Arbeitsmarkt besser
beurteilbar zu machen. Mehr als 30 EU-Länder sind an der Beteiligung
am EQR interessiert und haben zum Teil bereits Nationale
Qualifikationsrahmen entwickelt - neben Österreich etwa Deutschland,
die Schweiz, England und Frankreich. Bedingung für die Teilnahme am
EQR ist die jeweilige Entwicklung und Umsetzung eines NQR.

Derzeit wird in Österreich das formale Bildungssystem
(Volksschulen, Hauptschulen, höhere Schulen, Universitäten,
Fachhochschulen etc.) eingeordnet. Das non-formale System (dazu zählt
v.a. die Erwachsenenbildung) soll in einem zweiten "Korridor"
zeitlich versetzt folgen, ehe als dritter "Korridor" informell
erworbene Kenntnisse (wie z.B. autodidaktisch oder durch Erfahrung
erworbene Lernergebnisse) eingeordnet werden. Österreichweit sollen
ab 2012 auf allen neuen Qualifikationsbescheinigungen, Diplomen und
Europass-Dokumenten klare Informationen zum jeweiligen EQR-Niveau
angegeben sein. Überall dort, wo für die Anerkennung von
Lernergebnissen noch Validierungsverfahren entwickelt und eingeführt
werden müssen, ist aus heutiger Sicht jedoch mit einem längeren
Zeithorizont zu rechnen.

Befürworter und kritische Stimmen: Vergleichbarkeit, Durchlässigkeit
und bessere Chancen am Arbeitsmarkt ...

Die Stimmungslage zum österreichischen NQR sowie zum EQR wird
innerhalb der Bildungsszene sowohl von BefürworterInnen als auch von
vehementen KritikerInnen geprägt, erläutert die aktuelle vierzehnte
Ausgabe des Magazin erwachsenenbildung.at.

Als mögliche positive Effekte häufig genannt: Erleichterungen bei
der Anrechenbarkeit bzw. dem Nachweis von Kompetenzen, die die
Mobilität am europäischen Bildungs- und Arbeitsmarkt unterstützen
sollen. Weiteres Potential sehen BefürworterInnen bei der erhöhten
Durchlässigkeit von Bildungssystemen, also etwa der Schaffung
flexiblerer Zugangsvoraussetzungen zu universitären Angeboten. Da die
Rahmen auch außerhalb des formalen Bildungssystems erworbene
Kompetenzen wie z.B. autodidaktisch oder durch Erfahrung erworbene
Lernergebnisse berücksichtigen sollen, werden weiters neue Chancen
für bildungsbenachteiligte Zielgruppen, Niedrigqualifizierte,
MigrantInnen und von Arbeitslosigkeit Betroffene erhofft. Auch
BerufsrückkehrerInnen, die im Familienkontext oder im Rahmen einer
ehrenamtlichen Tätigkeit beruflich relevante Kompetenzen informell
erworben haben, könnten vom Nachweis via Qualifikationsrahmen
profitieren. Für ArbeitgeberInnen könnten die Rahmen eine
Hilfestellung bei der Personalauswahl sein. Seitens der
Bildungsinstitutionen wird weiters ein Zusammenhang mit
Qualitätssicherungsaspekten hergestellt, sowie auf potentielle
Vorteile beim Bildungsmarketing verwiesen.

... versus bildungspolitische Ignoranz und fragliche Umsetzbarkeit in
der Praxis

Ein anderes Bild zeichnen die KritikerInnen: Das Konzept
"Qualifikationsrahmen" sei seitens der Bildungspolitik
"überfallsartig" lanciert worden, eine ausführliche akademisch
orientierte Grundlagenforschung sei unterblieben. Die Bildungspolitik
arbeite somit ohne bzw. auch gegen vorhandene wissenschaftliche
Evidenzen, meint etwa Lorenz Lassnigg vom Institut für Höhere Studien
(IHS), Wien, Herausgeber der aktuellen Ausgabe des Magazin
erwachsenenbildung.at. Weitere Folge des "Überfalls": Den
Bildungsinstitutionen und -bereichen bliebe zu wenig Zeit für
strukturell notwendige Anpassungen. Begriffliche Unklarheiten und das
hohe Abstraktionsniveau des EQR und NQR würden eine erfolgreiche
Umsetzung erschweren.

Weiterer Kritikpunkt: Ausdrückliches Ziel von EQR und NQR ist die
Beurteilbarkeit von Qualifikationen für den Arbeitsmarkt. Doch wie
"verwertbar" muss Bildung sein? Sind Qualifikationsrahmen zugleich
Instrumente für eine einseitig auf Markt und Unternehmensbedarf
ausgerichtete Bildung, fragt etwa Peter Dehnbostel,
Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, in seinem Beitrag zum Magazin,
während Michael Young, Universität London, und Stephanie Allais,
Universität Witwatersrand, Johannesburg, Südafrika, in ihrem
englischsprachigen Beitrag gar von einer "Vermarktung" der Bildung
("marketization of education"), die Qualifikationen zu Handelsgütern
am Marktplatz Bildung macht, sprechen.

Magazin erwachsenenbildung.at lässt führende internationale
BildungstheoretikerInnen und -praktikerInnen zu Wort kommen

Die aktuelle, vierzehnte Ausgabe des Magazins unterzieht unter dem
Titel "Nationaler Qualifikationsrahmen. Castle in the Cyberspace oder
Förderung der Erwachsenenbildung?" den NQR anhand internationaler
Beispiele aus dem anglophonen Raum - mit zwei Beiträgen in englischer
Originalsprache - , Deutschland, Österreich und der Schweiz einer
umfassenden kritischen Reflexion. Highlight des Magazins ist ein
Interview mit Martin Netzer, stellvertretender Sektionsleiter im
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und federführend
mit der Entwicklung des NQR befasst. Stoff für eine vertiefende
kritische Auseinandersetzung liefern u.a. Sandra Fuchs, Münchner
Volkshochschule, und Regina Egetenmeyer, Johannes
Gutenberg-Universität Mainz, sowie Andrè Schläfli, Direktor des
Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB), Arthur
Schneeberger, Österreichisches Institut für Bildungsforschung der
Wirtschaft, ibw, Wien und Ingolf Erler, Österreichischen Institut für
Erwachsenenbildung, oieb, Wien / St. Pölten. Aus der Praxis berichten
Friederike Weber, Sabine Putz und Hilde Stockhammer, MitarbeiterInnen
eines Projekts des Arbeitsmarktservice Österreich, sowie Karin
Reisinger und Giselheid Wagner, Weiterbildungsakademie Österreich,
wba, Wien, und Sonja Lengauer, 3s research laboratory/3s
Unternehmensberatung GmbH, Wien.

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Magazin erwachsenenbildung.at ist das Fachmedium für Forschung,
Praxis und Diskurs der österreichischen Erwachsenenbildung. Es wird
vom Bundesinstitut für Erwachsenenbildung, bifeb), gemeinsam mit dem
BMUKK dreimal jährlich herausgegeben. Alle eingereichten Artikel
werden einem Review der Fachredaktion unterzogen, die mit ExpertInnen
aus Wissenschaft, Praxis und Medien besetzt ist. Seit 2007 als
Online-Magazin betrieben, erscheint das Magazin seit 2009 auch als
gedruckte Publikation im Books on Demand-Verlag und ist zum
Selbstkostenpreis von 14,90 Euro über Amazon erhältlich. Alle Artikel
und Ausgaben des Magazin erwachsenenbildung.at sind im PDF-Format
unter www.erwachsenenbildung.at/magazin kostenlos verfügbar. Die
nächste Ausgabe des Magazins im Februar 2012 wird sich mit Kunst und
Literatur in der Erwachsenenbildung auseinander setzen.

Eine umfassende, österreichweit einzigartige Zusammenschau zum NQR
und dem aktuellen Stand seiner Entwicklung findet sich unter
http://erwachsenenbildung.at/themen/nqr.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0093 2011-12-13 11:15 131115 Dez 11 COM0001 1031



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