- 01.12.2011, 18:20:00
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Noch acht Tage!"
Ausgabe vom 2. Dezember 2011
Wien (OTS) - Der Nachteil der Postmoderne ist, dass sie
Widersprüche geradezu magisch anzieht. Vorbei sind, leider, die
Zeiten, als ein Problem praktisch schon als gelöst galt, sobald es
nur einmal als solches identifiziert wurde.
Die Gnade der eindimensionalen Perspektive ist unserer Zeit nicht
mehr vergönnt. Ein Paradoxon nach dem anderen pflastert unseren Weg.
Oder, wie der deutsche Soziologe Ulrich Beck in seinem 1986
erschienenen Buch "Risikogesellschaft" geschrieben hat: "Wo sich
alles in Gefährdungen verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr
gefährlich." Wo gefühlte Risiken sprießen, grassiert
Gleichgültigkeit. Kein ganz ungefährlicher Trend für eine
marktschreierische Mediengesellschaft. Angeblich sollen ja Raucher,
die unaufhörlich von der Gefährlichkeit ihrer Leidenschaft lesen,
aufhören - nämlich zu lesen. Geholfen hat es ihnen zwar nichts,
schließlich ist der Gesetzgeber für das Versagen an der
Informationsfront in die Bresche gesprungen, aber interessant ist
dieser Mechanismus allemal.
Was heißt das für die Berichterstattung über die Schulden-Krise, den
Siegeszug der Islamisten, den Klimawandel? Politiker, Journalisten
und zwischengeschaltete Experten haben mehr gemeinsam, als den
meisten lieb sein kann - den beängstigenden Hang, das Feld der
Auseinandersetzung den Panikmachern zu überlassen.
Vermutlich, wenn man denn unbedingt immer das Beste im Menschen
annehmen will, aufgrund der Annahme, dass nur so das notwendige
Problembewusstsein geschaffen werden kann. Nur: Das mag im
Mittelalter noch geholfen haben, spätestens in der beckschen
Risikogesellschaft ist Aufrütteln per permanente Panikmache eine
tatsächlich riskante Strategie. Die Wandlung zum berufsmäßigen
Zyniker ist in solchen Situationen nämlich eine nur allzu
verführerische Möglichkeit, allerdings wohl eher nur für
Nischenprodukte - das gilt für Politiker wie für Medien.
Die bessere Alternative bestünde in beinharter Empirie. Denn die
Überprüfung der Realität anhand unbestechlicher Fakten führt zu dem
Schluss, dass unsere Welt beständig sicherer geworden ist. Oder mit
anderen Worten: Auch die scheinbar unlösbaren Probleme werden immer
lösbarer. Auch wenn uns, wie wir dank der prophetischen Gaben Oli
Rehns wissen, angeblich nur mehr acht Tage Zeit bis zur Errettung
bleiben.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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