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OTS0062   26. Nov. 2011, 18:59

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fetisch gegen den Verfall" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 27.11.2011


In der steirischen Landeshauptstadt Graz haben sie
gestern einen Neubau eröffnet: Das Landesmuseum Joanneum wurde
unterirdisch erweitert und oberirdisch neu gestaltet. Für etwa 38
Millionen Euro. - Ja dürfen's denn das?!

Wozu wird in Zeiten der Krise, in Zeiten schwindsüchtiger Kassen eine
derartige Summe ausgegeben, um vor allem Dinge zu hegen, die nicht
mehr in praktischem Gebrauch sind bzw. sich, so wie die Kunst, dem
Gebrauch vollkommen entziehen? Wozu bedarf es einer Landesbücherei in
Zeiten von Google und Wikipedia? Warum leisten sich, ja nicht nur in
Graz, die Menschen weltweit heute noch Museen?

"Alles Wissen ist Erinnerung" konstatiert der britische Philosoph
Thomas Hobbes schon vor 400 Jahren. Demnach haben Museen eine
wichtige Funktion als Gedächtnis, als kultureller Fundus eines
Landes, einer Nation. Wie sollten wir wissen, wer und was wir sind,
wenn wir nicht wissen, woher wir kommen? Selbst ein radikal in die
Zukunft gewandter Geist kann nicht frei wehen, wenn ihm der Ursprung
seines Denkens unbekannt ist.

Na ja, könnte man hier einwenden, lässt sich doch alles nachsehen,
alles nachlesen im schier unbegrenzten Archiv des World Wide Web.
Drei Clicks und die Gutenbergbibel springt auf den Bildschirm.

Eben das führt uns zu einem weiteren Grund für den Erhalt von Museen.
Mag sein, dass künftige Generationen Objekte und Inhalte digitaler
Art als ausreichend real empfinden, um als Original zu gelten.
Zumindest der heute real existierende Mensch ist noch anders geprägt.
Jahrtausende haptischer Erfahrung haben und dahin geführt, dass
begreifen und angreifen noch immer nahe beieinander liegen. Anders
gesagt: Nur das materiell existierende Objekt wird als Original
empfunden. Ein Ming-Vase, die nicht zerbrechen würde, wenn man sie
fallen ließe, wäre keine solche. Und obgleich manche Reproduktionen
der Mona Lisa das Motiv besser zeigen als das Originalgemälde es
kann, ballen sich die Besucher des Louvres vor dem Bild.

Vielleicht spielt unsere eigene Endlichkeit eine Rolle. Und
vielleicht muss man sogenannte Originale auch als Fetische sehen. Als
Kultobjekte, mittels derer wir dem zwangsläufigen Verfall allen
Seins, ein wenig Ewigkeit abtrotzen wollen. Etwas, das bleibt, auch
wenn wir nicht mehr sind.

Das alles sind gute Gründe, dafür hin und wieder ein paar Millionen
auszugeben. Zumal es, so wie in Graz, nur Bruchteile anderer
öffentlich finanzierter Projekte sind: Mit 38 Millionen Euro kann man
980 Meter der Koralmbahn bauen, ein Drittel eines Eurofighters kaufen
oder aber eben ein Stückchen Ewigkeit finanzieren.****

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0062 2011-11-26 18:59 261859 Nov 11 PKZ0001 0415



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