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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fetisch gegen den Verfall" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 27.11.2011

Graz (OTS) - In der steirischen Landeshauptstadt Graz haben sie gestern einen Neubau eröffnet: Das Landesmuseum Joanneum wurde unterirdisch erweitert und oberirdisch neu gestaltet. Für etwa 38 Millionen Euro. - Ja dürfen's denn das?!

Wozu wird in Zeiten der Krise, in Zeiten schwindsüchtiger Kassen eine derartige Summe ausgegeben, um vor allem Dinge zu hegen, die nicht mehr in praktischem Gebrauch sind bzw. sich, so wie die Kunst, dem Gebrauch vollkommen entziehen? Wozu bedarf es einer Landesbücherei in Zeiten von Google und Wikipedia? Warum leisten sich, ja nicht nur in Graz, die Menschen weltweit heute noch Museen?

"Alles Wissen ist Erinnerung" konstatiert der britische Philosoph Thomas Hobbes schon vor 400 Jahren. Demnach haben Museen eine wichtige Funktion als Gedächtnis, als kultureller Fundus eines Landes, einer Nation. Wie sollten wir wissen, wer und was wir sind, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen? Selbst ein radikal in die Zukunft gewandter Geist kann nicht frei wehen, wenn ihm der Ursprung seines Denkens unbekannt ist.

Na ja, könnte man hier einwenden, lässt sich doch alles nachsehen, alles nachlesen im schier unbegrenzten Archiv des World Wide Web. Drei Clicks und die Gutenbergbibel springt auf den Bildschirm.

Eben das führt uns zu einem weiteren Grund für den Erhalt von Museen. Mag sein, dass künftige Generationen Objekte und Inhalte digitaler Art als ausreichend real empfinden, um als Original zu gelten. Zumindest der heute real existierende Mensch ist noch anders geprägt. Jahrtausende haptischer Erfahrung haben und dahin geführt, dass begreifen und angreifen noch immer nahe beieinander liegen. Anders gesagt: Nur das materiell existierende Objekt wird als Original empfunden. Ein Ming-Vase, die nicht zerbrechen würde, wenn man sie fallen ließe, wäre keine solche. Und obgleich manche Reproduktionen der Mona Lisa das Motiv besser zeigen als das Originalgemälde es kann, ballen sich die Besucher des Louvres vor dem Bild.

Vielleicht spielt unsere eigene Endlichkeit eine Rolle. Und vielleicht muss man sogenannte Originale auch als Fetische sehen. Als Kultobjekte, mittels derer wir dem zwangsläufigen Verfall allen Seins, ein wenig Ewigkeit abtrotzen wollen. Etwas, das bleibt, auch wenn wir nicht mehr sind.

Das alles sind gute Gründe, dafür hin und wieder ein paar Millionen auszugeben. Zumal es, so wie in Graz, nur Bruchteile anderer öffentlich finanzierter Projekte sind: Mit 38 Millionen Euro kann man 980 Meter der Koralmbahn bauen, ein Drittel eines Eurofighters kaufen oder aber eben ein Stückchen Ewigkeit finanzieren.****

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