• 23.11.2011, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europa bringt das Weltsystem USA ins Wanken - von Hans Weitmayr

Dass die Eurokrise die USA gefährdet, ist ein Alarmzeichen

Wien (OTS) - Die US-Notenbank Fed will sich auf die Eurokrise
einstellen. Dazu setzt sie ihre Großbanken einem Testszenario aus,
das eine "tiefe Rezession" voraussetzt. In Zahlen gegossen: 13
Prozent Arbeitslosigkeit, ein Schrumpfen des BIP um acht Prozent und
ein 50-prozentiger Wertverlust an den Börsen. Als Auslöser eines
solchen Debakels sieht das Planspiel ein Überschwappen der Eurokrise
vor. Die Fed betont zwar, dass ein solches Szenario nicht mit ihren
eigenen Prognosen übereinstimmt. Wer sich trotzdem ein bisschen
fürchten will, darf dies ungeniert tun. Denn die Fed-Studie zeigt
endgültig auf, dass wir ökonomisch in einer neuen und womöglich nicht
unbedingt besseren Welt leben.

Bis vor wenigen Jahren galt bekanntlich der Stehsatz vom niesenden
Amerika und dem daraufhin verschnupften Europa. Es war ein Bild, das
auf der Stärke der USA beruhte. Dass es in der aktuellen
Momentaufnahme umgekehrt aussieht, Europa also niest und die USA sich
auf die negativen Auswirkungen vorbereiten, ist allerdings in
doppeltem Maße gefährlich. Es zeigt nämlich zum einen nicht eine neue
Stärke Europas, sondern nur eine neue Schwäche der USA auf. Eine
Schwäche, die derart ausgeprägt ist, dass die einstmalige globale
Konjunkturlokomotive gedanklich mit dem rabiaten Szenario eines
achtprozentigen BIP-Einbruchs spielt.

Das Problem: Die USA sind als Volkswirtschaft nach wie vor mächtig
genug, um für den Rest der globalen Konjunktur "systemisch" zu sein,
wie es beispielsweise in der jüngsten Marktanalyse von HSBC heißt.
Das erkennt man daran, dass der Dollar an Wert gewinnt, wenn die USA
ins Strudeln geraten. Der dahinterliegende Gedanke: Die Probleme der
USA werden im Rest der Welt sozialisiert, was den Vereinigten Staaten
einen schnelleren Austritt aus einer solchen Krise ermöglicht. Die
Frage ist nur, ob dieses Kalkül diesmal nicht zu kurz greift. Denn
angesichts einer 100-prozentigen Staatsverschuldung muss man sich
fragen, ob es den USA auf Dauer gelingen kann, genügend Vertrauen bei
ihren Geldgebern aufzubauen, sodass diese ihnen einmal mehr die
eigene Wiederauferstehung finanzieren. Solche Zweifel mag man als
ökonomische Gerechtigkeit empfinden. Das Schwierige daran ist nur,
dass die USA den Rest der Welt immer wieder mit dem einen oder
anderen Schnupfen angesteckt haben - sie haben mit ihrem eigenen
Comeback aber auch immer die Kur nachgeliefert. Die durch die Angst
vor der Eurokrise aufgedeckte Schwäche der USA lässt aber die
Befürchtung aufkommen, dass der Wirtschaftsmacht Nummer eins dafür
diesmal die Kraft fehlt.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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