• 23.11.2011, 17:58:48
  • /
  • OTS0348 OTW0348

"Die Presse"- Leitartikel: Längerer Unterricht ist Lehrern zumutbar, von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 24.11.2011

Wien (OTS) - Die Pädagogen sollten mehr Zeit mit den Schülern
verbringen. Nicht zuletzt, um dem Minderleister-Image, das ihre
Gewerkschaft aufgebaut hat, zu entkommen.

Maria Fekter hätte sich wahrlich leichtere Gegner suchen können. Aber
nein: Im Bestreben, dem unlängst ausgebrochenen Sparwillen der
Regierung Nachdruck zu verleihen, legt sich die Finanzministerin
ausgerechnet mit den Lehrern an. Und das noch dazu mit einem
Reformmodell, das (zumindest auf den ersten Blick) frappant an einen
Vorstoß erinnert, der der Großen Koalition bereits vor zwei Jahren
ein veritables PR-Desaster eingebracht hat: Fekter will die Lehrer
künftig länger in die Klassenzimmer schicken und - schließlich will
man ja sparen - nicht die gesamte Mehrarbeit finanziell abgelten. Die
hysterische Empörung der Lehrergewerkschaft sollte ihr damit sicher
sein.
Dass ein derartiger Vorstoß ins Auge gehen kann, weiß vor allem
Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Sie war es, die 2009 ein
Modell vorlegte, das die Lehrer zu zwei zusätzlichen Stunden
Unterricht pro Woche verpflichten sollte. Natürlich ebenfalls
unbezahlt. Die Lehrer setzten zum Proteststurm an - und das nicht zu
Unrecht: Um als Betroffener ein Modell, das so kommuniziert wird,
schlecht zu finden, muss man nicht Fritz Neugebauer heißen. ÖVP und
SPÖ ließen die Ministerin denn auch im Regen stehen. Die
Lehrergewerkschaft feierte einen Pyrrhussieg: Die "zwei Stunden", auf
die das Reformvorhaben in der medialen Debatte reduziert wurde,
konnte man zwar verhindern. Das Bild der Lehrer als ewige Blockierer
und Minderleister brannte sich - vielfach zu Unrecht - aber nur noch
tiefer in die Köpfe vieler Österreicher ein.

Wie man es nicht macht, hätte Claudia Schmied also bereits ziemlich
eindrucksvoll bewiesen. Der Unterschied, der Maria Fekters Vorstoß
diskussionswürdig macht, liegt in den Details: Dass die neu
eintretenden Junglehrer - und nur für sie würde die Regelung gelten -
am Ende des Monats künftig mehr Gehalt auf dem Konto hätten, ist
begrüßenswert. Schließlich werden zwei Drittel der Mehrarbeit ja
bezahlt. Sind es doch unter anderem die niedrigen Einstiegsgehälter,
die den Lehrerjob in Österreich für viele uninteressant machen. Dass
Lehrer eine höhere Stundenanzahl pro Woche unterrichten, ist per se
kein Problem, sondern jungen, engagierten Pädagogen zumutbar. Dass
die vielen älteren Lehrer von der Stundenerhöhung ausgespart blieben,
mag ein Schönheitsfehler sein. Es erhöht aber zumindest die Chance,
dass die Reform - an alteingesessenen Besitzstandswahrern vorbei -
tatsächlich umgesetzt wird. Und die jahrelangen Scheinverhandlungen
rund um ein neues Dienst- und Besoldungsrecht für alle Lehrer
vielleicht doch irgendwann zu einem Ende finden.

Dass die jungen Lehrer ihre Mehrarbeit nicht zur Gänze abgegolten
bekämen, ist hingegen eine andere Sache. Fekter verschleiert dieses
Vorhaben besser, als Schmied es tat. Das zeugt zwar von größerem
taktischen Geschick. Mehr aber auch schon nicht. Ausschließlich bei
den Jungen zu sparen, kann nicht der Sinn der Dienstrechtsreform
sein. Wenn Fekter, wie sie sagt, "weg von den exorbitanten
Lehrergehältern" will, muss sie die Gehaltskurve weiter abflachen:
Und zwar, indem sie bei jungen Lehrern den Stundenlohn erhöht. Und
die (tatsächlich exorbitanten) Gehaltssteigerungen abschafft.
Noch etwas darf nicht vergessen werden: Zusätzliche
Unterrichtsstunden stehen nicht für sich allein, sondern ziehen für
Berufseinsteiger eine weit darüber hinausgehende Erhöhung der
Arbeitszeit nach sich. Für ihr Argument, jede Unterrichtseinheit
"vor- und nachbereiten" zu müssen, werden die Lehrer zwar gern
belächelt. Wahr ist es dennoch.
Wenn die Regierung also will, dass junge Lehrer mehr Zeit in der
Schule verbringen, muss sie endlich auch für bessere
Arbeitsbedingungen sorgen - vor allem, wenn sie sich zeitgleich des
Ausbaus ganztägiger Schulformen rühmt. Dass die Pädagogen vernünftige
Arbeitsplätze erhalten und die Konferenzzimmer mehr als nur eine
Lagerstätte für Schularbeitshefte sein müssen, ist nur der Anfang.
Auch von unnötigen administrativen Tätigkeiten müssen die Lehrer
entbunden werden. Damit sie sich wieder auf das konzentrieren können,
wofür sie eigentlich bezahlt werden: auf das Unterrichten. Und dann
gern auch ein paar Stunden länger.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel