• 22.11.2011, 18:22:27
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Anspruch und Wirklichkeit" von Michael Völker

25 Jahre Grüne: Von der Schwierigkeit, die Anständigkeit zu erklären. (Ausgabe vom 23.11.2011)

Wien (OTS) - Die Grünen sind die Guten. Sie haben den Anspruch auf
das Etikett "anständig" redlich erworben. Als einzige
Parlamentspartei sind sie - nach immerhin 25 Jahren - frei von jedem
Anstrich von Korruption. Gibt es nicht. Nicht nur mangels
Gelegenheiten, sondern auch dort nicht, wo es die Möglichkeit dazu
gäbe, also etwa bei den Regierungsbeteiligungen in Graz oder Bregenz,
in Oberösterreich oder Wien. Freunderlwirtschaft, Begünstigung,
persönliche Bereicherung - es sind keinerlei Fälle grüner Beteiligung
bekannt.

Dennoch können die Grünen aus diesem außerordentlichen
Alleinstellungsmerkmal kein politisches Kapital schlagen. Die
Anständigkeit lässt sich offenbar nicht in Wählerzuspruch umsetzen.
In wohlmeinenden Umfragen liegen die Grünen bei 13 bis 15 Prozent,
aber sie waren immer schon Umfragenkaiser. In der Realität stehen
10,4 Prozent im Bund und als bestes Länderergebnis derzeit 12,6
Prozent in Wien auf dem Papier.

Von einer Regierungskoalition im Bund (mit zwei Parteien) liegen die
Grünen meilenweit entfernt. Das wird sich nicht ausgehen. Das liegt
freilich auch in der Schwäche der beiden "Großparteien" SPÖ und ÖVP
begründet, die kaum mehr an die-30 Prozent-Marke heranreichen. Für
die Grünen: frustrierend.

Der Grund für die grüne Stagnation liegt in der Kommunikation
begründet: Dass die Grünen anständig sind, ist schön für sie. Da
haben die Leute aber nichts davon. Es gelingt der Parteiführung
nicht, einer breiteren Schicht über das Kernpublikum hinaus zu
vermitteln, was Grün bewirken könnte. Die Bürger werden in ihrer
Lebenswelt nicht angesprochen. Bildung, Arbeit, Verkehr, Energie,
Bürgerrechte - die Grünen haben wunderbare Ideen und Konzepte, es
gelingt ihnen nur nicht, das kommunikativ auf die realen Bedürfnisse
der Menschen herunterzubrechen.

Gerade Eva Glawischnig, die Chefin, erweckt den Eindruck, sie würde
von oben herab kommunizieren: arrogant, ein bisschen zu gescheit. Da
ändert auch der Spleen, zunehmend den lässigen Dialekt zu bemühen,
nichts daran: zu viel Wissen, zu wenig Botschaft. Zu viele Konzepte,
zu wenig Volksnähe. Die Lebenswelt der meisten Menschen ist eben eine
andere als die, für die Glawischnig geradesteht.

Die Partei bräuchte Übersetzer, die erklären, was der Transfer von
der Theorie in die Praxis bewirken könnte. Wobei nicht alles, was den
Strategen einfällt, auch dem Realitätscheck standhält. Aber das ist
die Gnade der Opposition, erst einmal alles thematisieren zu können
und nichts umsetzen zu müssen. Bei der Forderung nach zusätzlichen
Einnahmen für den Staat in der Höhe von vier Milliarden Euro alleine
durch vermögensbezogene Steuern täte sich allerdings auch ein
Übersetzer schwer. Da schießen die Grünen dann doch eher ihre
Zielgruppe ab als nur über diese hinaus.

In Wien wiederum zeigt Maria Vassilakou, was es heißt, durch die
Mühen der Ebene zu gehen und auch unpopuläre Maßnahmen in Angriff
nehmen oder mittragen zu müssen - vom teuren Parken bis zur
Hundehaltung. Dass ausgerechnet Vassilakou als gebürtige Griechin
dabei keinen Übersetzer braucht und den richtigen Ton trifft, spricht
für sie und spricht für die Grünen. Dass sie 25 Jahre dorthin
gebraucht haben, kann nur als Herausforderung verstanden werden: Um
die Früchte des Erfolgs einzufahren, werden sie ein Alzerl mehr an
Tempo und Ehrgeiz zulegen müssen.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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