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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Warnung"
Ausgabe vom 19. November 2011
Wien (OTS) - Europas Jugend droht ein verlorenes Jahrzehnt, warnte
die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, vor
wenigen Wochen. Rechtsradikale Inhalte kommen gut an bei immer mehr
Jugendlichen, so jüngste Umfragen. Nun lässt sich politisch trefflich
streiten, ob diese beiden Aussagen miteinander zu tun haben. Die
Geschichte Europas jedenfalls beantwortet sie mit ja. In Deutschland
treten rechtsradikale Parteien wie die NPD als sogenannte "Kümmerer"
auf: Sie sorgen in ländlichen und unterentwickelten Bezirken für
Nahversorgung: Besorgen den Einkauf, holen die Post, fahren ältere
Menschen in die nächste größere Stadt. Und Österreichs rechte Szene
holt sich Ezzes bei der deutschen, so die Aussage von
Verfassungsschützern.
Auch in Österreich wird - aus Kostengründen - die Infrastruktur
außerhalb der ländlichen und städtischen Ballungszentren ausgehöhlt.
Nahverkehr wird bis zum Rande der Unerreichbarkeit eingeschränkt,
Greißler sperren zu, das Postamt, die Polizeiwache. Was kommt als
Nächstes? Keine Handy-Verbindung mehr, weil kein Deckungsbeitrag für
diese Investition erwirtschaftet wird?
Und wer wird in Zeiten der Schuldenbremse in dieses Vakuum stoßen?
Auch die heimische Politik hat es bisher - mit Ausnahme der FPÖ -
verabsäumt, sich mit den Folgen der Krise zu beschäftigen. Die vor
uns liegenden Jahre des ausbleibenden Wirtschaftswachstums und
fehlender Budgeteinnahmen werden die Infrastruktur weiter aushöhlen,
die Ausbildungsplätze reduzieren, Job-Angebote auf die
Ballungszentren konzentrieren.
Alles nicht so dramatisch wie in Spanien und Griechenland, aber - wie
die Geschichte bewies - in Österreich genügen auch harmlosere
Entwicklungen, um den Weg nach ganz weit rechts zu beschreiten. Davon
ist dieses Land weit weg. Doch die Regierungsparteien und die Grünen
sollten sich bei allem Feuereifer für die Schuldenbremse ernsthafter
Gedanken machen, wie verhindert werden kann, verwahrloste Gegenden
wie im Osten Deutschlands entstehen zu lassen. Was sich dort an
rechter Gewalt abspielte, gibt es theoretisch auch in Österreich - in
Schriften und Wirtshausgesprächen. Das ist unerträglich genug, doch
daraus Realität werden zu lassen, wäre ein Verbrechen.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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